Interview mit Eva Mattes: Die Schauspielerin liest in Herford aus den Tagebüchern der Autorin
„Astrid Lindgren war kraftvoll und mutig“

Herford (WB). Ein Kreis schließt sich. Als Kind verlieh Eva Mattes dem Pippi-Langstrumpf-Lied ihre Stimme. Am 20. September liest sie im Stadttheater aus den Kriegstagebüchern von Astrid Lindgren. Hartmut Horstmann spricht mit der Schauspielerin, die viele TV-Zuschauer auch als ehemalige „Tatort“-Kommissarin kennen, über die Lesung. Was für ein Mensch war Astrid Lindgren? Was fasziniert an den Tagebüchern?

Mittwoch, 02.09.2020, 05:45 Uhr aktualisiert: 02.09.2020, 09:06 Uhr
Eva Mattes liest am 20. September aus den Kriegstagebüchern von Astrid Lindgren. Die Lesung mit Musikbegleitung beginnt um 19 Uhr. Foto: dpa

Mit Astrid Lindgren verbindet Sie eine lange Geschichte. So haben Sie als Kind das bekannte Lied „Hey Pippi Langstrumpf“ gesungen. Was empfinden Sie, wenn Sie das Lied heute hören?

Eva Mattes: Es macht mir gute Laune und lässt mich zurückdenken an die unbeschwerte Zeit, die ich mit Pippi verbringen durfte im Synchronatelier. Auch bin ich ein bisschen stolz darauf, dass es immer noch so gut ankommt.

In einem Interview haben Sie eine große Wesensverwandtschaft mit Pippi Langstrumpf angedeutet. Waren Sie als Kind wirklich so wild?

Mattes: Ich war wild, empathisch und hatte einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn. Vor mir war kein noch so hoher Baum sicher, ich kraxelte rauf und sprang aus möglichst großer Höhe hinunter. Wenn Klassenkameraden durch andere Kinder oder Lehrer ungerecht behandelt wurden, setzte ich mich unerschrocken für sie ein.

Es gibt immer mal wieder Stimmen, die in der Pippi-Langstrumpf-Geschichte Rassismus zu entdecken glauben - Stichwort „Negerkönig“. Teilen Sie diese Ansicht?

Mattes: Das ist doch lange widerlegt und ich teile diese Ansicht natürlich nicht. Astrid Lindgren hat Pippi Langstrumpf ja während des Zweiten Weltkriegs geschrieben, Pippis Vater ist eine besondere Fantasiefigur und Negerkönig hatte vor 75 Jahren eine ganz andere Konnotation als heute. In späteren Ausgaben wurde es von ihr selbst überarbeitet in Südseekönig.

In Herford lesen Sie aus den Kriegstagebüchern Astrid Lindgrens. Enthalten diese irgendwelche Hinweise auf Rassismus?

Mattes: Ganz im Gegenteil. Sie berichtet mit großer Empathie über das Leid, das den Menschen weltweit durch diesen Krieg angetan wurde.

Beim Lesen von Tagebüchern hat man meist das Gefühl, einer Person sehr nahe zu kommen. Was glauben Sie, was war Astrid Lindgren für ein Mensch?

Mattes: Sie war eine ganz ungewöhnliche Persönlichkeit, kraftvoll, mutig, unangepasst vor allem auch in ihrer Rolle als Frau. Mit einem analytischen Geist und wachem Interesse an den Geschehnissen der Welt.

Vor zwei Jahren kam ein Film über die jungen Jahre der Autorin ins Kino. Kommt das Filmporträt Ihrem Eindruck von den Tagebüchern nahe?

Mattes: Die Kriegstagebücher schrieb sie ja viel später. Was aber im Film sichtbar wird, ist ihre Fähigkeit zur Beurteilung der sozialen Belange, ihre bewundernswerte Unabhängigkeit, dazu ihr Humor und ihre Leichtigkeit, die sie auch durch schwere Jahre begleitet haben.

Was hat Sie an den Tagebüchern am meisten überrascht?

Mattes: Astrid Lindgren hat an der Postdienststelle des Geheimdienstes gearbeitet. Sie hatte also Zugang zu geheimen Informationen und wusste früh über die Schrecknisse dieses Krieges Bescheid und bezieht Stellung. Sie reflektiert dabei auch ihre Sonderstellung, die sie als Schwedin in ihrem neutralen Land hatte, und erwähnt immer wieder mit großer Dankbarkeit, wie gut sie es hat und wie sehr sie um die Welt und all die anderen Menschen bangt.

Als Kino- oder Fernseh-Schauspielerin erreichen Sie mitunter ein Millionenpublikum. Was macht den Reiz einer Lesung mit Musikbegleitung aus?

Mattes: Die Dramatikerin und Musikerin Irmgard Schleier stellt seit vielen Jahren musikalisch-literarische Programme für mich zusammen zu Themen, die uns bewegen und unter der Haut brennen. 75 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs hat Irmgard mit dem Lindgren-Abend eine europäische Zeitreise zusammengestellt. Zu der Lesung der Kriegstagebücher singe ich Chansons und Lieder, die an die Leiden der jüdischen Bevölkerung erinnern, an den Widerstand in den besetzten Ländern und an Erfahrungen von Künstlern im Exil. Der Funke dieser Lieder springt immer über und mitten in die Herzen des Publikums, jedes Mal eine berührende, einzigartige Erfahrung.

Und am Ende dann doch noch eine Frage zum „Tatort“: Sie gehören wegen Ihres großen Spektrums zu den Schauspielerinnen, die nicht nur mit ihrer „Tatort“-Rolle in Verbindung gebracht werden. Im Dezember 2016 lief die letzte Folge mit Ihnen. Vermissen Sie den „Tatort“ manchmal?

Mattes: Die „Tatort“-Drehzeiten habe ich sehr genossen und möchte sie nicht missen, vermissen tue ich sie nicht. Dazu habe ich viel zu viele andere herausfordernde Arbeiten.

Zur Veranstaltung

„Die Menschheit hat den Verstand verloren“: Diesen Titel tragen die Kriegstagebücher von Astrid Lindgren. Als die Autorin mit dem Schreiben anfing, war sie 32 Jahre alt. Die Kinder- und Jugendbücher, mit denen Astrid Lindgren Erfolg hatte, erschienen danach. Mit ihrer Freundin Irmgard Schleier (Klavier) hat Eva Mattes Kapitel aus den Tagebüchern zu einer musikalischen Zeitreise erweitert. Die Schauspielerin liest und singt, am Akkordeon ist Dariusz Swinoga zu hören. Die Veranstaltung am 20. September im Stadttheater beginnt um 19 Uhr.

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