Interview mit Ali Ertan Toprak, Vorsitzender der Kurdischen Gemeinde Deutschlands
„Ditib wird von Ankara gesteuert“

Herford (WB). Er ist ein scharfer Kritiker der Ditib-Gemeinde in Deutschland. Ali Ertan Toprak (51), Vorsitzender der Kurdischen Gemeinde Deutschlands und CDU-Politiker, kommt am Donnerstag, 13. August, nach Herford. Bei der von CDU-Ratsherr Andreas Gorsler moderierten Veranstaltung geht es um die Integration der Muslime in Deutschland. Im Gespräch mit HK-Redaktionsleiter Ralf Meistes kritisiert Toprak unter anderem die Rolle der Imame in den Ditib-Moscheen.

Dienstag, 11.08.2020, 05:45 Uhr aktualisiert: 11.08.2020, 05:50 Uhr
Als scharfer Kritiker der Ditib-Gemeinde in Deutschland gilt Ali Ertan Toprak. Der 51-jährige CDU-Politiker kommt am Donnerstag, 13. August, nach Herford. Foto: Sedat Mehder

 

Herr Toprak, in Herford leben Menschen aus über 100 Nationen. Jeder vierte Herforder hat einen Migrationshintergrund. Wir haben vor allem einen hohen Anteil an Menschen mit türkischen und kurdischen Wurzeln. Aber keiner von Ihnen sitzt im aktuellen Stadtrat. Machen Sie derlei Beobachtungen auch in anderen Städten?

Ali Ertan Toprak: Ja, leider. Wir sind zwar längst eine Einwanderungsgesellschaft, aber das spiegelt sich nicht in unseren Parlamenten wider. Für eine demokratische Gesellschaft ist es nicht gut, wenn über einen längeren Zeitraum wichtige Teile der Gesellschaft aus der demokratischen Mitgestaltung ausgeschlossen sind. Das führt dazu, dass sich diese Menschen nicht mit unserem Gemeinwesen und unseren demokratischen Werten und Institutionen identifizieren und sich dauerhaft in Parallelgesellschaften einrichten oder im schlimmsten Fall sogar in Gegengesellschaften sich gegen unser Land und unsere freiheitlichen Werte in Stellung bringen.

 

Woran liegt das Ihrer Meinung?

Toprak: In dieser Frage haben alle demokratischen Parteien leider versagt. Die konservativen Parteien wollten lange Zeit nicht wahrhaben, dass Deutschland irgendwann de facto zu einem Einwanderungsland geworden ist, auch wenn wir es niemals gewollt haben. Die eher linken Parteien und die liberalen Kreise hingen ewig dem Traum des Multikulturalismus hinterher. Aber auch die Migranten haben sehr lange mit einer Lebenslüge in diesem Land gelebt, nämlich dass ihr Aufenthalt nur vorübergehender Natur sei, und haben sich nicht in aller Konsequenz auf ihre neue Heimat eingelassen. Aber das ändert sich langsam und ich bin optimistisch, dass sich das in naher Zukunft ändert.

 

Sie gelten als scharfer Kritiker der Ditib-Gemeinden in Deutschland. Im jüngsten Gespräch eines Vertreters der Ditib-Gemeinde Herford mit unserer Zeitung sagte dieser: „Wir sind Herforder muslimischen Glaubens und wir sind stolz auf das deutsche Grundgesetz, das uns die Möglichkeit gibt, unseren Glauben hier zu leben.“ Dann ist doch alles in Ordnung, oder?

Toprak: Das wäre schön, wenn das auch glaubwürdig wäre. Es ist leider eine Sache, was Vertreter von Ditib in der Öffentlichkeit von sich geben – und was sie davon in der Realität im Alltag auch umsetzen. Nur das Grundgesetz zu loben reicht nicht aus. Man muss die Werte des Grundgesetzes auch im Alltag mit Leben füllen. Man kann zum Beispiel nicht einerseits die Glaubensfreiheit hier in Deutschland loben und andererseits vor der Verletzung der Glaubensfreiheit von Nichtmuslimen in der Türkei schweigen.

 

Dieselbe muslimische Gemeinde hat vor zwei Jahren bundesweit für Schlagzeilen gesorgt, weil in ihrer Moschee Kinder als Soldaten verkleidet und mit Holzgewehren ausgerüstet im Stechschritt marschiert sind. Nach deutlicher öffentlicher Kritik an der Aktion hat sich die Gemeinde entschuldigt und erklärt, „so eine Aufführung gehört nicht hier her“. Was sagen Sie dazu?

Toprak: Ihr Beispiel, was in der Herforder Ditib-Moschee vor zwei Jahren passiert ist, beweist doch, wie berechtigt meine Kritik an der Ditib ist. Das sind weder Zufälle, noch Einzelfälle. Immer wieder erleben wir seit Jahren verstärkt solche nationalislamistische Ausfälle in Ditib-Gemeinden. Seit Jahren weisen viele türkeistämmige Demokraten darauf hin, dass der größte Islamverband Ditib, der der staatlichen türkischen Religionsbehörde unterstellt ist, nicht die Aufgabe hat, die Muslime zu integrieren, sondern die Interessen des türkischen Staates auf deutschem Boden zu vertreten. Deshalb werden jeden Freitag deutschlandweit Predigten aus Ankara verlesen. So werden die Muslime Woche für Woche aus Ankara indoktriniert – und ihnen wird eingeimpft, wohin sie mental gehören: Nicht hierhin, sondern in die Türkei.

 

Zugleich lädt die Ditib-Gemeinde zum Tag der offenen Tür ein, organisiert Veranstaltungen, will demnächst sogar eine Fahrt mit deutschen und muslimischen Jugendlichen nach Auschwitz starten. Es gibt also auch Zeichen, dass man sich aufeinander zubewegt. Nehmen Sie solche Tendenzen nicht wahr?

Toprak: Auschwitz ist das Symbol der Vernichtung der Juden durch Deutsche. Da kann man sich mit dem größten und schlimmsten Verbrechen der Deutschen auseinandersetzen. Darin kann ich noch kein Zeichen sehen, dass man sich aufeinander zubewegt. Ein wichtigeres Zeichen wäre es, die Erinnerungskultur in Deutschland zum Anlass zu nehmen, um sich mit den schwarzen Kapiteln der türkischen Geschichte in Ditib-Moscheen auseinanderzusetzen. Anstatt immer wieder dem türkischen Nationalismus in einem Gottes-Haus zu huldigen.

 

Herr Toprak, ehe Sie 2014 in die CDU eingetreten sind, waren Sie Mitglied bei Bündnis90/Die Grünen. In Bielefeld stellen die Grünen für die Kommunalwahl einen Kandidaten auf, der jahrelang Funktionär der Milli-Görüs-Bewegung war. Was sagen Sie zu dem Vorgang?

Toprak: Ich bin einfach nur sprachlos und entsetzt. Damit verraten die Grünen nicht nur alle emanzipatorischen Werte, die sie angeblich verteidigen, sondern fallen auch allen säkularen und demokratischen türkeistämmigen Menschen in den Rücken. Der Kampf gegen Rassismus und Rechtsextremismus ist universell. Wer sich nur gegen deutschen Rechtsextremismus stellt, aber den migrantischen und muslimischen nicht nur ignoriert, sondern auch noch hofiert, macht sich in meinen Augen unglaubwürdig und verlogen. „Milli Görüs Bewegung“ steht Erdogans AKP ideologisch sehr nahe. Erdogan und seine wichtigsten Mitstreiter sind in der Milli Görüs Bewegung sozialisiert. Die AKP ist eine islamistisch-faschistische, homophobe, sexistische und antisemitische Partei, die in der Türkei Andersdenkende wegsperrt und in Syrien Jihadisten unterstützt.

 

Wie erklären Sie sich dann eine solche Nominierung?

Toprak: Leider scheinen die Grünen in Bielefeld und Umgebung von diesen Dingen keine Ahnung zu haben – oder sie blenden all das aus ideologischen Gründen aus. Das Problem aller demokratischen Parteien besteht darin, dass sie kaum bis gar nicht den Islam kennen – was sie auch selber wissen–, und von daher jeden Konflikt mit den orthodoxen Verbänden und Moscheen scheuen. Hinzukommt die Angst, mit Kritik am politischen Islam in einen Topf mit Rechtspopulisten geworfen zu werden.

 

Als Bundesvorsitzender der Kurdischen Gemeinde in Deutschland werden Sie auch Erfahrungen mit Hetze und Anfeindungen in den sozialen Netzwerken gemacht haben. Als Herfords Bürgermeister jetzt im Streit um den Muezzin-Ruf auf die Religionsfreiheit verwiesen hat, wurde er ebenfalls in den sozialen Netzwerken bedroht. Wie gehen Sie mit solchen Bedrohungen um?

Toprak: Ich werde nicht nur in den sozialen Medien angefeindet, sondern auch seit Jahren persönlich bedroht und von türkischen Nationalislamisten den türkischen Sicherheitsbehörden immer wieder hundertfach denunziert. Ich lasse mich aber davon nicht einschüchtern! Die Kritik an Islamismus und Nationalismus ist Ausdruck meiner Meinungs- und Redefreiheit, die ich mir von niemandem nehmen lasse! Vor den Feinden der offenen Gesellschaft und religiösen Fanatikern werde ich niemals schweigend kapitulieren!

 

Können Sie noch in die Türkei reisen?

Toprak: Nein, seit 2015 nicht mehr. Ansonsten droht mir das gleiche Schicksal wie Deniz Yücel. Wir können den Kampf gegen Extremismus nur gewinnen, wenn alle Demokraten jedwede Form von Extremismus gemeinsam bekämpfen. Es darf keine doppelten Maßstäbe für deutsche und migrantische Extremisten geben

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