Einen Kleingarten gibt es für 50 Euro im Jahr, wenn man denn einen ergattert
Begehrte Refugien

Herford (WB). Kaum Angebote, aber eine riesige Nachfrage – in Deutschland gehen die Immobilienpreise gerade durch die Decke. „Nur die Kleingärten bleiben verschont“, sagt Werner Heidemann (65). Der Gartenbauingenieur führt den Kleingärtner-Landesverband Westfalen-Lippe, in dem 73.000 Mitglieder organisiert sind.

Samstag, 08.08.2020, 05:13 Uhr aktualisiert: 08.08.2020, 05:20 Uhr
Brigitte Egeling vor ihrer Gartenlaube: Ihre Tochter und ihre erwachsenen Enkel wollen die Kleingartenparzelle nicht übernehmen. Foto: Christian Althoff

Brigitte Egeling sitzt im Schatten eines Apfelbaumes und ruht sich von der Gartenarbeit aus. Zu ihren Füßen steht ein Plastikkorb mit auffallend großen Kartoffeln, die die 81-Jährige in der Augusthitze geerntet hat. „Warum die dieses Mal so groß geworden sind, weiß ich auch nicht. Nach dem Winter hatte ich die eingekellerten Kartoffeln, die Triebe gebildet hatten, einfach mal in die Erde gesetzt. Ob es daran lag?”

Das Bundeskleingartengesetz legt fest...

1988 hatten die kaufmännische Angestellte und ihr inzwischen verstorbener Mann die Parzelle in der Herforder Kleingartenanlage „Amseltal”, die 1967 entstanden war, übernommen. Etwa 55 Euro Pacht muss die Witwe dafür pro Jahr an die Stadt zahlen. Werner Heidemann: „In Nordrhein-Westfalen-Westfalen liegt die Jahrespacht pro Quadratmeter zwischen fünf und 30 Cent. Und daran ändert auch der Immobilienboom erst Mal nichts.“ Denn das Bundeskleingartengesetz legt fest, dass die Pacht höchstens viermal so hoch sein darf wie das, was gewerbliche Obst- und Gemüsebauern am jeweiligen Ort für ihr Land zahlen müssen.

400 Quadratmeter groß ist die Parzelle der Herforderin, und größer soll sie laut Gesetz auch nicht sein. Die 81-Jährige kennt sich mit den Vorschriften aus, denn sie war 16 Jahre lang Vorsitzende des Vereins, zu dem 34 Parzellen gehören. „Es gab immer mal den einen oder anderen, der sich nicht an die Vorschriften halten wollte. Da musste der Vorstand dann eingreifen”, sagt sie und lächelt. Vor allem die Größe der Lauben sei oft ein Thema gewesen: „Manche wollen die zu richtigen Wochenendhäusern erweitern.“ Dabei schreibt das Gesetz höchstens 24 Quadratmeter Grundfläche vor – einschließlich einer überdachten Terrasse. Und es verbietet Ausstattung und Einrichtung, die ein dauerhaftes Wohnen ermöglichen. Dass auf der Parzelle von Brigitte Egeling noch ein kleines Gewächshaus steht, ist deshalb auch nicht selbstverständlich. „Wir haben lange um die Erlaubnis gekämpft. Aber ohne Gewächshaus können Sie die meisten Tomatensorten nicht mehr anbauen. Die vertragen keinen Regen.“

„Die Renaissance hat vor ungefähr zehn Jahren begonnen...“

Die spartanische Ausstattung der Parzellen ist gewollt. „Der Staat möchte keine Luxus-Wochenenddomizile“, sagt Werner Heidemann. „Ein Kleingarten soll dem privaten Obst- und Gemüseanbau und der Erholung dienen und für Familien mit kleinen Einkommen bezahlbar sein.“

Gartenzwerge, Blumenwettbewerbe – lange hätten Kleingärten für Spießertum und Vereinsmeierei gestanden, sagt der Verbandsgeschäftsführer. Und die frühere Vereinsvorsitzende Brigitte Egeling erinnert sich, dass es Zeiten gab, in denen sie fünf freie Parzellen hatte aber keinen Interessenten. „Selbst die erwachsenen Kinder von Kleingärtnern, die ja oft in den Gärten großgeworden waren, hatten damals kein Interesse.“

Das ist heute anders. Wer einen Kleingarten pachten möchte, und das wollen vor allem Familien mit kleinen Kindern, findet meistens keinen. „Die Renaissance hat vor ungefähr zehn Jahren begonnen, und die Corona-Krise hat der Nachfrage noch einmal einen Schub gegeben“, sagt der Verbandsgeschäftsführer. Früher sei der typische Kleingärtner ein älterer Mann gewesen. Das habe sich geändert. Heidemann hat die Teilnehmerlisten der Kleingärtnerschule in Lünen ausgewertet, in der die praktische Arbeit im Vordergrund steht und in der Hobbygärtner nicht nur etwas über Pflanzen, Insekten und Ökologie erfahren, sondern auch Dinge wie den Bau von Trockenmauern oder Teichen lernen. „2003 waren nur 23 Prozent unserer Teilnehmer jünger als 60, und der Frauenanteil betrug 27 Prozent.“ Inzwischen seien 71 Prozent der Kursteilnehmer jünger als 60, und 44 Prozent seien Frauen. „Viele junge Leute wollen ein Stück Garten, und sie sind bereit, zu lernen“, sagt Heidemann. Doch etliche der 750 Vereine in Westfalen-Lippe schrieben gar keine Interessenten mehr auf ihre Wartelisten. „Weil das aussichtslos ist, wenn da schon fünf Leute draufstehen.“ Denn die Pachtverträge laufen laut Gesetz bis zum Tod des letzten Ehe- oder Lebenspartners, sofern der Kleingärtner nicht von sich aus kündigt. Münster sei eine der wenigen Städte, die neue Kleingärten planten und die Lage etwas entspannten, sagt Heidemann. „Aber das reicht nicht.“

„Ich habe fast alles, was ich brauche”

Auch Brigitte Egeling will sich trotz ihrer 81 Jahre noch nicht von der Parzelle trennen, die die Witwe nun schon seit 18 Jahren alleine bestellt. „Ich wohne in einer kleinen Etagenwohnung, und in die Stadt zu gehen oder ins Café ist nicht mein Ding. Soll ich den ganzen Tag vor dem Fernseher sitzen? Im Garten habe ich immer was zu tun und zu machen. Und zum Glück habe ich noch keine Rückenprobleme.“

In den Beeten der Rentnerin wachsen Kartoffeln, Kohlrabi, Bohnen, Zucchini, Möhren, Zwiebeln, Lauch und Sellerie. An den Bäumen hängen Äpfel, Pflaumen, Kirschen und Birnen, und an Büschen allerlei Beeren. „Ich habe fast alles, was ich brauche“, sagt die Herforderin. Dann steht sie auf und greift zu einer Gießkanne. Die Dahlien brauchen Wasser.

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