Hans-Wilhelm Homburgs Corona-Geschichte
Endlich wieder frei atmen!

Herford (WB). Völlig gerädert wacht Hans-Wilhelm Homburg an diesem Sonntagmorgen auf. Es ist der 8. März. „Es fühlte sich an wie ein Kater“, erinnert sich der 69-Jährige. Nur, dass er am Abend zuvor keinen Tropfen Alkohol getrunken hat. Zu diesem Zeitpunkt ahnt der Rentner noch nicht, dass er eine lange Leidenszeit vor sich hat. Der Löhner gehört zu den ersten Corona-Patienten im Kreis Herford, die stationär behandelt werden müssen.

Montag, 03.08.2020, 06:00 Uhr
Hans-Wilhelm Homburg kann endlich wieder laufen und dabei frei atmem. Foto: Moritz Winde

Nicht im Traum denkt Hans-Wilhelm Homburg in jenen Tagen an das neue, unbekannte Virus, das sich allerdings schon in seinem Körper ausbreitet. „Das war alles ganz weit weg, in China, Italien und Österreich, aber nicht bei uns.“ Und genau aus diesem Grund geht der ehemalige Beamte der Herforder Kreisverwaltung davon aus, dass die Symptome wieder einmal mit einer Erkältung zusammenhängen. Neben der allgemeinen Schlappheit kommt ein lästiger Husten hinzu, außerdem steigt das Fieber kontinuierlich an.

Bei Chorprobe infiziert

Am Montag hängt er so durch, dass er die geliebte Chorprobe sausen lässt. Erst später wird klar, dass er sich eine Woche zuvor, am 2. März, bei genau diesem Singen infiziert haben muss. Eine Sängerin hatte nach einem beruflichen Kontakt den Erreger in die Obernbecker Kantorei geschleppt. Von etwa 60 Chormitgliedern werden mindestens fünf krank.

Erster Test war negativ

Weil sich sein Zustand nicht bessert und die Angst vor Covid-19 steigt, lässt sich Hans-Wilhelm Homburg am 11. März zum Johannes-Wesling-Klinikum nach Minden bringen. Dort ist ein Testzentrum aufgebaut. Gut zweieinhalb Stunden nach dem Abstrich erhält der Löhner das Ergebnis – negativ, kein Corona! „Ich war natürlich erleichtert.“

Testfehler ist möglich

Aber wie kann das sein? Christian Busse, Sprecher der Mühlenkreiskliniken: „Dafür kann es unterschiedliche Erklärungen geben: 1. Der Patient war zum Zeitpunkt der ersten Testung noch nicht infiziert, sondern hatte normale Erkältungssymptome. Im Verlauf der Erkrankung hat er sich dann noch mit dem SARS CoV2-Virus infiziert. 2. Der Patient war zum Zeitpunkt der ersten Testung bereits infiziert, die Viruslast im Rachen war aber noch nicht so groß, dass das Wattestäbchen Viren aufgenommen hat. 3. Der Patient war zum Zeitpunkt der ersten Testung bereits infiziert, das Wattestäbchen wurde aber nicht tief genug in den Rachen eingeführt. 4. Es handelt sich tatsächlich um ein falsch-negatives Ergebnis. Ein Testfehler ist nie zu 100 Prozent auszuschließen.“

40 Grad Fieber

Wieder zu Hause verschlechtert sich Hans-Wilhelm Homburgs Zustand dramatisch: „Ich weiß nicht, wann es mir jemals so elendig ging. Ich konnte mich nur vom Bett aufs Sofa und wieder zurückschleppen.“ Als seine Temperatur eine Woche später am 19. März auf 40 Grad Celsius steigt und er mit fast jedem Atemzug schlechter Luft bekommt, bringt ihn seine Frau zum Hausarzt. Der Mediziner weist ihn sofort ins Lukas-Krankenhaus nach Bünde ein.

Als plötzlich das Klinikpersonal in knallroten Schutzanzügen vor ihm gestanden habe, da habe er gewusst: „Etwas ist nicht in Ordnung.“ Der zweite Test belegt das, was der 69-Jährige insgeheim schon ahnte: „Ich habe Corona.“

Lungenentzündung

Hans-Wilhelm Homburg wird mit heftigen Symptomen – mittlerweile hat er eine Lungenentzündung – ins Klinikum Herford verlegt, wo er isoliert wird. Sofort wird das Virus mit Antibiotikum bekämpft. Aufgrund der hoch ansteckenden Krankheit darf er keinen Besuch erhalten, muss ohne persönlichen Kontakt mit seinen Angehörigen gegen den Erreger ankämpfen. Die Einsamkeit sei das Schlimmste in dieser schweren Zeit gewesen, sagt er. „Ich habe großen Respekt vor den Ärzten und Pflegern, die mich so wunderbar medizinisch versorgt und gesund gepflegt haben.“ Für Verschwörungstheoretiker, die das Corona-Virus leugnen oder es verharmlosen, hat er kein Verständnis: „Über die Maßnahmen zur Eindämmung kann man streiten, die Krankheit aber kann richtig gefährlich sein.“

70 Patienten im Klinikum behandelt

Im Klinikum wurden nach Auskunft von Geschäftsführer Peter Hutmacher seit dem 12. März bis Ende Juli insgesamt 70 Patienten mit Covid-19 behandelt. Von diesen Patienten seien 49 männlich und 21 weiblich gewesen. Die jüngste Patientin sei 19 Jahre alt, die älteste 94 Jahre alt gewesen. Der überwiegende Anteil der Patienten war zwischen 60 und 80 Jahre alt. Es seien 1481 Verdachtsfälle aufgenommen worden, was mit einem hohen Maß an Isolierungsmaßnahmen einhergegangen sei. „Acht Patienten sind im Klinikum an beziehungsweise mit Covid-19 verstorben. Zwei Patienten sind nach jeweils einem mehrwöchigen Intensivaufenthalt (13 Wochen, 11 Wochen) bei einem hochkomplexen Verlauf in eine Anschlussheilbehandlung entlassen worden“, sagt Hutmacher. Bei einigen der Erkrankten, insbesondere bei den kritisch kranken Patienten der Intensivstation, habe man eine überschießende Immunreaktion beobachten können. Aktuell befänden sich fünf Patienten in stationärer Behandlung.

Sieben Kilo abgenommen

Nach einer Woche, sieben Kilogramm weniger und noch etwas geschwächt darf Hans-Wilhelm Homburg das Krankenhaus verlassen. Mittlerweile ist er wieder ins Jogging-Training eingestiegen. Noch schafft er seine Zehn-Kilometer-Runde nicht. Er sei aber optimistisch, dass die Ausdauer zurückkomme. „Ich bin überglücklich, Corona überstanden zu haben.“

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