Fall Tönnies betrifft auch Hof Reinkensmeyer
Weitere Wege für Herforder Schweine

Herford (WB). Die Schweinepreise sind im Sinkflug, Bauern haben überfüllte Ställe und die Tiere müssen länger auf den Lastwagen stehen, wenn es zu weiter entfernten Schlachtbetrieben geht. Seit 25 Tagen ist der Schlachthof Tönnies nach dem massiven Corona-Ausbruch dicht. Und das hat auch Auswirkungen für die heimischen Landwirte.

Mittwoch, 15.07.2020, 08:00 Uhr
André Reinkensmeyer geht durch seinen Stall. Seine jüngsten Ferkel sind Donnerstag geboren. Foto: Kathrin Weege

André Reinkensmeyer geht durch seinen Stall. Seine jüngsten Ferkel sind Donnerstag geboren, flitzen putzmunter durch die Box. Hier ist alles wie immer – keine Überfüllung. Er hat Glück, hat einen Abnahmevertrag mit Tönnies. Alle zwei Wochen werden 90 bis 100 Tiere abgeholt. „Und das ist – durch den Vertrag – auch jetzt so. Tönnies hat sich darum gekümmert, dass die Schweine in anderen Betrieben geschlachtet werden“, berichtet der 29-Jährige.

Schlachtung im Osten

Längst nicht alle Landwirte aber hätten solche festen Verträge. Wer auf dem freien Markt verkaufe, habe Probleme, jetzt schlachten zu lassen. Die Ställe würden immer voller. Das geht zu Lasten der Tiere. Schließlich konnte vor einem Jahr – so lange dauert es etwa von der Belegung der Sau bis zum fertigen Mastschwein – keiner erahnen, dass Tönnies über Wochen schließen muss.

Zu Reinkensmeyer kommt der Händler alle zwei Wochen. „Unsere Schweine werden derzeit im Osten in Weißenfels geschlachtet. Natürlich ist die Fahrt deutlich länger“, so der Junglandwirt, der den Hof gemeinsam mit seinem Vater Bernd betreibt.

Die Tiere stehen gut 3,5 Stunden auf dem Lkw. „Man lädt den Wagen dann zum Wohl der Tiere weniger voll, sie bekommen Wasser. Es entstehen aber alleine durch die weiten Fahrten zusätzliche Kosten. Noch ist nicht klar, wer sie tragen wird“, sagt Reinkensmeyer. Tönnies? „Wahrscheinlich am Ende der Händler und wir“, mutmaßt der Herforder.

118 Kilogramm sind Idealgewicht

Immer samstags, bevor der Viehhändler kommt, wiegt Reinkensmeyer seine Schweine. 118 bis 119 Kilogramm sind das passende Schlachtgewicht. Die Tiere bekommen eine Markierung und werden bei Abholung auf den Lkw verladen. „Die Betriebe, die ihre Schweine aktuell nicht los werden, müssen sie weiter füttern. Das kostet. Werden sie schwerer, gibt es nicht etwa mehr Geld, sondern da werden schnell 15 Euro pro Tier abgezogen“, weiß der Landwirt. Schweine brauchen eben Idealgewicht.

Lag der Schweinepreis Anfang des Jahres noch bei zwei Euro pro Kilogramm, war es bis vergangene Woche 1,60 Euro, seither nur noch 1,46 Euro. Gleichzeitig müssen die Bauern bald wieder tiefer in Tasche greifen, denn eine neue Schweinehaltungshygieneverordnung soll kommen. Sie sieht vor, dass binnen fünf Jahren der Platz von 2,5 auf fünf Quadratmeter für eine Sau verdoppelt werden muss, Abferkelplätze müssen in acht Jahren 6,5 Quadratmeter groß sein.

1400 Schweine auf dem Hof

„Wir haben gerade 2014 neue Ställe nach den Richtlinien gebaut und 2017 größere Abferkelbuchten von sechs Quadratmeter“, sagt Reinkensmeyer, der die Schweinezucht in einem geschlossenen System betreibt. Er hält 100 Sauen und zieht die Ferkel selber auf. So sind im Schnitt 1400 Tiere auf dem Hof. Längst nicht alle Landwirte hätten den Platz und die Möglichkeiten, ihre Ställe nach der neuen Verordnung umzurüsten. „Uns bleibt nur die Wahl: Entweder wir schmeißen die Hälfte der Tiere raus oder wir bauen nach den Vorgaben wieder um“, bringt es Reinkensmeyer auf den Punkt.

Er sieht vor allem die Politik in der Verantwortung. „Werkarbeitsverträge gibt es seit den 90ern. Das Problem ist nicht heute aufgetaucht“, meint er. Durch die Corona-Pandemie sei es zu einer rasanten Entwicklung gekommen, auch in Sachen der neuen Haltungsverordnung.

Hofladen stark gefragt

Seit 1993 betreibt die Familie Reinkensmeyer ihren Hofladen an der Mindener Straße. Und der ist gerade in der Corona-Zeit beliebt. „Wir haben gemerkt, dass die Nachfrage bei uns am Hof, aber auch auf unserem Wochenmarktstand in Herford sowie besonders deutlich online bei Wochenmarkt24 angestiegen ist“, berichtet Reinkensmeyer. Das sei vor allem in den ersten Wochen der Pandemie so gewesen. Inzwischen lasse es aber wieder etwas nach. „Die Bürger fallen scheinbar mit den Lockerungen auch in ihre alten Gewohnheiten zurück“, hat der Jungbauer beobachtet.

 

Jede Menge selbst angebautes frisches Gemüse verkauft Nicole Reinkensmeyer in ihrem Hofladen.

Jede Menge selbst angebautes frisches Gemüse verkauft Nicole Reinkensmeyer in ihrem Hofladen. Foto: Kathrin Weege

Übrigens: Im Hofladen gibt es auch Wurstwaren von eigenen Schweinen. „Wir lassen alle vier bis sechs Wochen drei Tiere in einem kleineren Betrieb in Melle schlachten und bekommen die Wurstwaren in Dosen zurück“, sagt André Reinkensmeyer.

Neben der Schweinehaltung und der klassischen Ackerwirtschaft bauen Reinkensmeyers auf fünf bis sieben Hektar das ganze Jahr über Gemüse an. Von Salat, über sämtliche Kohlsorten, bis hin zu Möhren, und Steckrüben. Verkauft wird alles ausschließlich direkt – über den Hofladen, den Marktstand und die Online-Plattform. Infos gibt’s hier.

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