In Corona-Zeiten entdecken offenbar viele Verbraucher die Bedeutung der Landwirtschaft
Wertschätzung statt Stinkefinger

Herford (WB). Wenn das Weizenmehl im Supermarkt ausverkauft ist, scheinen sich viele Verbraucher doch schon mal Gedanken zu machen, wo dieses ansonsten selbstverständliche Grundnahrungsmittel eigentlich herkommt. „Seit Beginn der Corona-Krise begegnet man uns ganz anders, das war von einem Tag auf den anderen so, wirklich auffällig“, sagt Jan-Wilhelm Wetehof, Landwirt aus Schwarzenmoor.

Donnerstag, 04.06.2020, 07:00 Uhr
Mit dem Anhänger, der seit Anfang Mai durch die Lande reist, bedanken sich die Landwirte bei den Verbrauchern. Bürgermeister Tim Kähler (von rechts) empfing Julius Install, Hermann Dedert und Jan-Wilhelm Wetehof vor dem Rathaus. Wetehof zeigt das „Reisebuch“, das Einträge jeder Station zeigt. Nicht nur Kähler, unter anderem auch die Kölner Band „Höhner“ habe sich darin verewigt.

„Wir werden häufig gegrüßt oder uns wird mit unseren Gespannen Vorfahrt gewährt, wo wir früher schon mal einen Stinkefinger gezeigt bekamen“, erklärt Wetehof. „Ja, seit Corona ist die Nachfrage nach regionalen Produkten und ganz allgemein das Interesse an unserer Arbeit vor Ort gestiegen“, sagt Herman Dedert, Vorsitzender des Landwirtschaftlichen Kreisverbandes Herford-Bielefeld.

Der Landwirt aus Hiddenhausen und seine Kollegen haben sich deshalb am Mittwoch mit einer ungewöhnlichen Aktion der erst vor etwa einem halben Jahr gegründeten Bewegung „Land schafft Verbindung“ bedankt. „Regionale Produkte – Vielen Dank für Ihre Unterstützung“ steht auf einem Anhänger, mit dem Julius Install am Mittwoch vor dem Herforder Rathaus vorfuhr. Anfang Mai war der Hänger in Olpe gestartet und ist seitdem – quasi wie ein Staffelstab – unterwegs durch ganz Deutschland. Nahezu jeden Tag steht er an einem anderen Ort.

Install, Landwirt im Nebenerwerb aus Enger-Besenkamp, hatte den Hänger von seiner vorigen Station in Jöllenbeck abgeholt. Vom Rathaus sollte er gestern zum Kreisel Bismarck-/Vlothoer Straße gefahren werden, wo er von vielen Autofahrern gesehen werden konnte. An diesem Donnerstag wird ihn ein Landwirt aus dem Kreis Minden-Lübbecke abholen. „Jetzt, wo viele Veranstaltungen ausfallen, wollen wir auf diese Weise mit unserem Anliegen präsent bleiben“, sagt Dedert.

Lob vom Bürgermeister

Bürgermeister Tim Kähler hatte am Vormittag die dreiköpfige Delegation der heimischen Landwirte empfangen und sich in das Gästebuch eingetragen, das mit dem Anhänger durch die Lande reist. „Super-Aktion“, schloss er seinen Eintrag. Er ist sich sicher: „Die Landwirte verdienen unsere Anerkennung.“ Allerdings seien die Lebensmittelpreise insgesamt zu niedrig.

Aber ob die neuentdeckte Wertschätzung für die Arbeit der Landwirte hält? Denn schließlich sei die regionale Erzeugung teurer und der Verbraucher müsse bereit sein, mehr für die Lebensmittel auszugeben. „Das Interesse ist mittlerweile schon wieder etwas abgeflacht“, sagt Wetehof.

Auch aus einem anderen Grund machen sich die Landwirte Sorgen, wenn es um die regionale Erzeugung geht. „Leider nehmen die Anforderungen und Auflagen zu. Viele Landwirte können die dafür notwendigen Investitionen nicht mehr stemmen und geben auf“, sagt Dedert. Dabei sei die regionale Erzeugung im Kreis Herford auf einem qualitativ und quantitativ hohen Niveau: „Das geht vom Obst und Gemüse zur Direktvermarktung auf dem Wochenmarkt über den Anbau von Weizen und Roggen für die Milser Mühle sowie Futtergetreide für die vor Ort gehaltenen Tiere bis zur Weidebewirtschaftung für die Futtererzeugung oder die Vermarktung von Schweinen an den heimischen Schlachthof Gocksch.“ All das sei schließlich regionale Erzeugung.

Kritik an Düngeverordnung

Aber vor allem die neue Düngeverordnung bereitet den Landwirten Kopfschmerzen. „Die ist aus unserer Sicht nicht grundsätzlich in allem falsch, aber die Verordnung berücksichtigt viel zu wenig die regionalen Besonderheiten“, meint Dedert. So würden die neuen Vorschriften dem Gewässerschutz nicht vollends gerecht. Wer die regionale Produktion befürworte, müsse den Landwirten flexible Erzeugungsmöglichkeiten gewährleisten. Hinzu komme das Problem des Flächenverbrauchs. „Dabei geht es nicht nur um so viel diskutierte Projekte wie das Neubaugebiet in Stedefreund, sondern etwa auch um das Vorhalten von Ausgleichsflächen“, erläutert Dedert.

Oder wie es Landwirt Julius In­stall bewusst zugespitzt formuliert: „Ich bin in erster Linie nicht Landschaftspfleger, sondern muss sehen, dass ich mit meinem Betrieb über die Runden komme.“

Dennoch bekenne sich die heimische Landwirtschaft zu ihrer Verantwortung für den Insekten- und Vogelschutz. Die Landwirte hätten dazu zahlreiche Vorschläge gemacht. „Mit pauschalen Verboten und dem Ordnungsrecht kommt man aber nicht weiter“, kritisiert Dedert.

Höfesterben hält an

Die Zahl der landwirtschaftlichen Betriebe im Kreis Herford sinkt kontinuierlich. Gab es im Jahr 2010 noch 547 Höfe mit mindestens fünf Hektar Fläche, waren es 2016 nur noch 508 (minus sieben Prozent). Weil eine Statistik nur alle sechs Jahre erhoben wird, liegen aktuellere Zahlen nicht vor. Hermann Dedert, Vorsitzender des Kreisverbandes, schätzt jedoch, dass es derzeit nur noch knapp 430 Betriebe im Kreis gibt. Die durchschnittliche Größe stieg von 2010 bis 2016 um drei auf knapp 40 Hektar. „Aktuell dürften es etwa 45 bis 50 Hektar sein.“

Der Flächenverbrauch für Haus- und Straßenbau sowie Ausgleichsmaßnahmen schränkten das Betätigungsfeld zunehmend ein. Von 2004 bis 2018 verringerte sich die landwirtschaftliche Fläche um 5,3 Prozent oder fast 1500 Hektar auf 26.284 Hektar. (87 Prozent Ackerfläche, 13, Prozent Grünland).

Der Schweinebestand ging von 2010 bis 2016 von knapp 96.000 auf 85.00o zurück, die Zahl der Schweinehalter von 187 auf 128. Die Zahl der Milchkühe blieb mit gut 1400 nahezu konstant, nicht jedoch die der Halter. Sie sank von 41 auf 28, bei der Rinderhaltung insgesamt von 114 auf 95 (8674 Tiere).

 

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