Kreditberater entscheiden mit über das Schicksal von Firmen im Kreis Herford
„Eine Insolvenzwelle ist nicht in Sicht“

Herford (HK). Banken stehen in der Corona-Krise im Kreuzfeuer. Mit ihren Unterschriften stellen F irmenkundenberater derzeit die Weichen, ob ein Unternehmen die Krise mit Hilfe eines Kredites überlebt oder nur noch tiefer in eine schon bestehende Schieflage gerät. Christian Schlüter steht bei der Kreissparkasse Herford an der Spitze von 100 Kreditexperten, darunter 30 spezialisierte Firmenkundenberater.

Sonntag, 31.05.2020, 11:00 Uhr
Firmenkundenberater Christian Schlüter und sein Team in der Kreissparkasse Herford entscheiden in diesen Tagen über das Schicksal vieler Unternehmen im Kreis Herford mit. Foto: Marion Vaal

Sie haben in den vergangenen Wochen weit mehr als 1000 Gespräche zur Corona-Krise und über Unterstützungshilfen geführt. Schlüter: „Zunächst verschaffen wir uns gemeinsam mit dem Kunden ein Bild davon, wie sein Unternehmen von der Krise betroffen ist, zum Beispiel durch Auswirkungen auf den Umsatz oder auf das Geschäftsmodell.“ Bereits getroffene oder geplante Maßnahmen wie Kurzarbeitergeld oder Steuerstundungen würden geklärt. Wichtig sei es natürlich auch, betriebswirtschaftliche Zahlen zu ermitteln: Welche Auswirkungen habe die Krise auf die Gewinn- und Verlustentwicklung und auf die Liquidität? Ziel des Gesprächs sei eine individuelle, auf das Unternehmen zugeschnittene Lösung.

Ob ein Kredit befürwortet werde oder nicht, hänge von vielen Faktoren ab. Entscheidend sei die Einschätzung des Beraters von Geschäftsmodell und Management. Schlüter: „Gewachsenes Vertrauen in einer langen partnerschaftlichen Beziehung ist das A und O.“ Natürlich gehörten aber auch betriebswirtschaftliche Aspekte wie das Rating dazu. Speziell die umfangreichen Anforderungen und Regelwerke der Förderprogramme von KfW, NRW-Bank oder Bürgschaftsbank NRW seien sorgfältig zu berücksichtigen und einzuhalten. Schlüter: „Grundvoraussetzung ist, dass das Unternehmen vor der Krise gesund war und nach der Krise an die früheren Erfolge anknüpfen kann.“ Eine Verschuldung müsse auch unter Berücksichtigung der Sonderkredite bei Wiederanspringen des Geschäftsmodells tragfähig bleiben. Dies sei in einigen Fällen eine große Herausforderung, da die gängigen Förderprogramme nur Laufzeiten zwischen zwei und sechs Jahren vorsehen würden.

Lebensversicherung auflösen?

Gastwirte, Ladeninhaber, Autohändler, Schausteller, Dienstleister – an allen Standorten erwägen Unternehmer, ihre Lebensversicherungen aufzulösen, um die laufenden Kosten ihres Betriebes bestreiten zu können. Solche Erwägungen kennen auch die Firmenberater. Schlüter: „Viele Unternehmer würden alles tun, um Arbeitsplätze zu erhalten.“ Gleichwohl werde zunächst dazu geraten, das für die Krise passgenau entwickelte Instrumentarium zu nutzen. Dazu gehöre zuvorderst die Stundung von Steuerlasten oder das flexible Nutzen von Kurzarbeit. Mitunter könne sogar eine Insolvenz besser sein als eine weitere Verschuldung: „Insbesondere für diejenigen, die bereits vor der Corona- Krise massive Probleme hatten und für die die zusätzliche Belastung nun erdrückend wird, dürfte die Insolvenz ein Weg sein,“ sagt Schlüter. Der Gesetzgeber habe allerdings die Insolvenzantragspflichten in der Krise gelockert, so dass eine Insolvenz die letzte Lösung bleibe. Mit den relativ neuen Möglichkeiten des Schutzschirms und der Insolvenz in Eigenverwaltung könne ein Neuanfang und der Fortbestand als restrukturiertes Unternehmen gelingen.

Eröffnungspflicht setzt wieder ein

Mit einer Insolvenzwelle rechnet Schlüter nicht, wenn im September die Eröffnungspflicht wieder einsetzt. Der Corona-Schock habe die meisten Unternehmen in einer Phase nach vielen guten Jahren mit positiven Konjunkturdaten getroffen. Es seien häufig solide Eigenkapitalpositionen erarbeitet und Liquiditätsreserven geschaffen worden. Auch die Betriebsmittellinien der Banken seien selten zu mehr als 50 Prozent beansprucht gewesen, so dass hier in Summe Reserven vorhanden waren, um die ersten Wochen der Krise zu überstehen.

Nach Auswertung der Kundengespräche gehören mehr als zwei Drittel der Unternehmen in die Kategorie, die nicht oder nur gering von der Krise betroffen seien oder sogar davon profitierten. Schlüter: „Das basiert allerdings auf der Annahme, dass die Geschäftsmodelle in der zweiten Jahreshälfte zumindest sukzessive wieder anspringen, wonach es momentan auch aussieht.“

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