Sorgentelefon in Herford richtet zusätzliche Sprechzeiten ein – Anrufe sind kostenfrei Langeweile ist kein „Luxusproblem”

Herford (HK). „Wir bekommen derzeit nicht mehr Anrufe als sonst, aber die Themen sind andere”, sagt Helmut Beversdorff. Der Koordinator der „Nummer gegen Kummer” in Herford verzeichnet unter den Anrufern noch nicht den in der Corona-Zeit von Jugendämtern befürchteten Anstieg von Fällen häuslicher Gewalt.

Von Daniela Dembert
Während der Corona-Krise hat das bundesweite Sorgentelefon zusätzliche Sprechzeiten für Kinder und Jugendliche eingerichtet. Die Telefonate unter der Nummer 11 61 11 sind für sie anonym und kostenlos.
Während der Corona-Krise hat das bundesweite Sorgentelefon zusätzliche Sprechzeiten für Kinder und Jugendliche eingerichtet. Die Telefonate unter der Nummer 11 61 11 sind für sie anonym und kostenlos. Foto: Daniela Dembert

„Vermutlich erfolgen diese Anrufe erst später, weil die Betroffenen in ihren Familien derzeit nicht die Privatsphäre für solche Telefonate haben”, räumt Mitarbeiterin Svenja Albrecht ein. Unter 11 61 11 können Kinder und Jugendliche bundesweit anonym und kostenlos mit geschulten Ehrenamtlichen sprechen, die ihnen mit Rat zur Seite stehen oder einfach nur zuhören. Etwa 2.000 Berater sind deutschlandweit für das 1980 ins Leben gerufene Sorgentelefon , das aus dem Kinderschutzbund hervorgegangen ist, tätig.

Momentan, so Beversdorff, sei Langeweile ein Grund, aus dem Kinder und Jugendliche die „Nummer gegen Kummer” wählten. „Und das ist auch absolut in Ordnung so”, ermutigt der 67-Jährige. Denn in Corona-Zeiten sei Langeweile kein „Luxusproblem” sondern könne für junge Menschen wirklich belastend sein. Hinzu komme die Isolation, die den Anrufern, die vorrangig zwischen acht und 25 Jahren alt sind, zu schaffen mache.

Singles haben Probleme

Vor wenigen Tagen habe er eine junge Frau gesprochen, die sich nach körperlicher Nähe sehnte und wünschte, jemanden kennenzulernen. „Ich war zunächst irritiert, welche Intention dieser Anruf nun hat, habe sie dann aber verstanden: es gibt derzeit für Singles keine Möglichkeit, außerhalb der virtuellen Welt auf einander zu treffen. Ein echtes Problem.”

Anruf aus Langeweile: zwei Jugendliche im Alter von 16 und 17 Jahren hatten sich ohne konkreten Grund gemeldet. „Wir haben dann über Hobbys gesprochen und der eine erzählte, er interessiere sich für Mofas und fahre gern durch die Gegend. Ich hatte den Einfall, er könne sich mal umhören, ob aktuell in seiner Wohngegend nicht ein Laden einen Kurierfahrer brauche”, erzählt Beversdorff.

Aber auch Themen wie Mobbing, Liebeskummer, ungewollte Schwangerschaft, Trauerfälle und Zoff mit den Eltern kommen nach wie vor zur Sprache.

Danke für’s Zuhören

Falls gewünscht, könnten die gut geschulten Ehrenamtlichen an Institutionen und Beratungsstellen verweisen, meistens sei das aber gar nicht gefragt. Vielen Anrufern gehe es darum, mit jemand Unabhängigem sprechen und Sorgen loswerden zu können. „Danke für’s Zuhören höre ich am Ende eines Gesprächs häufig”, sagt Svenja Albrecht.

Das Sorgentelefon ist montags bis samstags von 14 bis 20 Uhr besetzt und hat in der Corona-Krise zusätzliche Sprechzeiten montags, mittwochs und donnerstags von 10 bis 12 Uhr eingerichtet. Die Anrufe bei der 11 61 11 sind kostenlos und tauchen nicht auf der Telefonrechnung der Eltern auf. Wer zuhause nicht die nötige Ruhe und Abgeschiedenheit für einen solchen Anruf findet, dem rät Svenja Albrecht: „Auch vom Handy aus ist der Anruf kostenlos und trotz Kontaktsperre kann man Spazierengehen und sich irgendwo ein ruhiges Plätzchen zum Telefonieren suchen.”

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