Schutzauflagen bereiten Betreibern Probleme Pflegeheime fühlen sich überfordert

Herford (WB). Das Infektionsrisiko in Seniorenheimen löst Horrorszenarien in den Köpfen der Gesundheitsbehörden aus. Die dazu am vergangenen Freitag vom Land erlassene Corona-Aufnahmeverordnung fällt dermaßen drastisch aus, dass jetzt die Betreiber der 32 Altenheime und Kurzzeitpflegeeinrichtungen im Kreis Herford Albträume bekommen.

Von Stephan Rechlin
Foto: dpa

Der Verordnung zufolge haben die Pflegeeinrichtungen unverzüglich Isolations- und Quarantänebereiche in einer für die Bewohnerzahl angemessenen Größe vorzubereiten. Vorgesehen ist eine getrennte Unterbringung von bereits infizierten Menschen einerseits und andererseits derjenigen, die keine Symptome einer Erkrankung an COVID-19 zeigen, aber bei denen noch kein negatives Testergebnis vorliegt. Bei einer Neu- oder Wiederaufnahme ist der Bewohner für 14 Tage innerhalb des Quarantäne- bzw. Isolationsbereichs von allen anderen Bewohnern – auch innerhalb dieses Bereichs – getrennt unterzubringen, zu pflegen, zu betreuen und zu versorgen. Auch infizierte Bewohner müssen auf Anordnung der unteren Gesundheitsbehörde isoliert werden.

Schwerwiegende Bedenken

Dem Krisenstab des Kreises teilten die Pflegeheime mit, dass sie „teils schwerwiegende Bedenken hinsichtlich der Realisierbarkeit“ dieser Verordnung hegen. Hinter der höflichen Formulierung steckt blanke Panik. Konkret heißt das: die Altenheime sollen separate, voneinander getrennte Räume für infizierte Bewohner, gesunde Bewohner und für Bewohner schaffen, die gerade aus einer Klinik kommen und deshalb 14 Tage in Quarantäne müssen.

Diese drei Gruppen sind unabhängig voneinander zu (ver)pflegen, zu betreuen und zu versorgen – natürlich auch in der Nacht. Pfarrer Bodo de Vries ist einer der beiden Geschäftsführer des Johanneswerkes, das zehn Einrichtungen im Kreis Herford betreibt, Kurzzeitplätze inklusive: „Woher sollen die Heime die Räume und das Personal nehmen, um diese Auflagen auch nur drei Tage lang einhalten zu können?“

„Vernünftig, aber nicht realisierbar“

Der Pfarrer steht in Kontakt mit der Landesregierung, er gehört dort einem Expertengremium an, das vor Herausgabe der Corona-Aufnahmeverordnung offenbar nicht gehört worden ist. De Vries möchte dem Gesundheitsministerium vorschlagen, die Verordnung zu ergänzen und zu präzisieren: „Die Auflagen sind angesichts der Ausnahmesituation vernünftig, doch hinsichtlich der Möglichkeiten in den Heimen nicht realisierbar.“

Der Pfarrer schlägt vor, dass die Heime diese Auflagen über verschiedene Standorte hinweg erfüllen – entweder unter dem Dach eines Betreibers, der wie das Johanneswerk mehrere Einrichtungen betreibt. Oder aber durch die Kooperation mehrerer Betreiber an einem Standort: „Dann kümmert sich ein Betreiber um die infizierten Bewohner, ein anderer um die gesunden, aber noch nicht negativ getesteten Bewohner, ein dritter um die Bewohner, die neu in ein Heim kommen und deshalb erst einmal in Quarantäne müssen.“ In den Seniorenheimen lebe die Risikogruppe mit der höchsten Schutzbedürftigkeit. De Vries: „In NRW gibt es bisher 300 Corona-Tote. Von ihnen stammt ein Drittel aus Seniorenheimen. Ist doch logisch, dass wir etwas unternehmen müssen.“

Kommentar

Seit dem 3. April laufen die Betreiber von 32 Seniorenheimen und Kurzzeitpflegeeinrichtungen im Kreis Herford Gefahr, sich strafbar zu machen. Seit jenem Freitag müssen sie Auflagen einhalten, die sie auch außerhalb einer Ausnahmesituation mit großzügigen Übergangs- und Umsetzungsfristen nicht hinbekommen würden. Die jüngste Corona-Aufnahmeverordnung des Landes löst kein Problem, schützt keine Senioren, sondern verschärft nur eine ohnehin äußerst angespannte Lage. Vor jedem Gesetz, das in Bund und Land verabschiedet wird, sind Experten und Vertreter davon betroffener Menschen anzuhören. Zu dieser sinnvollen und bewährten Praxis sollte das Gesundheitsministerium gerade in Krisenzeiten schleunigst zurückkehren. Stephan Rechlin

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