Herforder Johannes-Haus: So belastend ist das Besuchsverbot für Angehörige „Es zerreißt mir das Herz“

Herford (WB). „Mama ist die Beste!“, sagt Petra Thieschäfer und wirft einen Handkuss über den Balkon. Seit Wochen darf sie ihre Mutter Renate (84) nicht in den Arm nehmen, die nach einem Schlaganfall im Johannes-Haus lebt. Das Corona-bedingte Besuchsverbot in Altenheimen trifft Bewohner und deren Angehörige besonders hart.

Von Moritz Winde
Kommunikation in Corona-Zeiten: Petra Thieschäfer (57) steht am Balkon und erzählt ihrer Mama Renate vom Tag. Die 84-Jährige freut sich über den täglichen Besuch. Beide sehnen sich danach, sich endlich wieder in die Arme nehmen zu dürfen.
Kommunikation in Corona-Zeiten: Petra Thieschäfer (57) steht am Balkon und erzählt ihrer Mama Renate vom Tag. Die 84-Jährige freut sich über den täglichen Besuch. Beide sehnen sich danach, sich endlich wieder in die Arme nehmen zu dürfen. Foto: Moritz Winde

Dieses Foto entstand vor der Krise: Da waren sich Mama und Tochter noch ganz nahe.

Petra Thieschäfer steht an diesem Nachmittag wieder einmal an der Brüstung des kleinen Erkers. Zum Glück lebt ihre Mutter in einem Erdgeschosszimmer, sonst wäre der persönliche Kontakt noch viel komplizierter. Die 57-Jährige plaudert drauf los, erzählt von ihrem Tag, von den Dingen, die sie erlebt hat. Sie versucht einen fröhlichen Eindruck zu machen. Ihre Mama soll nichts von ihrem wahren Gemütszustand mitbekommen.

Innen drin sehe es nämlich ganz anders aus. Die behördlich verordnete Trennung sei bei allem Verständnis für den Schutz der Alten und Kranken nur schwer auszuhalten. „Das tut richtig weh und zerreißt mir das Herz. Meine Mama ist nicht nur meine Mama, sie ist auch meine beste Freundin. Ich muss in diesen Zeiten sehr viel weinen.“

Seit 52 Jahren verheiratet

Renate Thieschäfer sitzt in ihrem Rollstuhl an der Schwelle zum Balkon und lauscht den Worten ihrer Tochter. Hin und wieder huscht ein Lächeln über die Lippen der kranken Frau. „Meine Mama kann nicht mehr sprechen, verstehen tut sie aber alles. Ihre rechte Körperhälfte ist gelähmt“, sagt Petra Thieschäfer. Immer wieder erklärt die Brax-Angestellte ihrer Mutter, weshalb die Distanz notwendig ist – und zeitgleich macht sie der Seniorin Mut. „Schon bald können wir uns hoffentlich wieder ganz nah sein.“

Vor dem Virus schaute Petra Thieschäfer wie viele andere Angehörige der 88 Bewohner täglich im Johannes-Haus vorbei, um für ihre Mutter da zu sein, die sie fünf Jahre zu Hause pflegte. Das will sie auch weiter so machen: „Ich stelle mich jeden Tag an den Balkon, egal ob es regnet oder schneit – das verspreche ich dir, Mama.“

Wilhelm Hauff darf seine Hannelore nicht besuchen. Jeden Tag bringt der 86-Jährige seiner Ehefrau (79) klein geschnippelte Rohkost. Das Döschen mit dem Gemüse gibt er natürlich an der Pforte ab. Foto: Winde

Auch Wilhelm Hauff will seine Hannelore (79) nicht im Stich lassen. Nach einem Schlaganfall wird sie in der Einrichtung am Wall betreut. „Wir sind seit 52 Jahren verheiratet. Ich bin im Johannes-Haus ein und ausgegangen, habe meine Frau mehrmals täglich besucht. Es macht mich traurig, dies nicht mehr zu dürfen. Aber es ist leider Gottes notwendig. Angst macht mir, dass keiner sagen kann, wann das Besuchsverbot aufgehoben wird“, sagt der 86-Jährige, der direkt neben dem Altenheim lebt.

„Fast wie im Gefängnis“

Zum Glück gebe es ja das Telefon, was natürlich kein Vergleich zum persönlichen Kontakt sei. „Es fehlt die Gewohnheit“, sagt Wilhelm Hauff, der jeden Tag eine Portion klein geschnippelte Rohkost an der Pforte abgibt. „Die isst meine Hannelore so gerne.“

Ob Briefträger, Therapeuten, Lieferanten oder eben Angehörige: Niemand kommt mehr herein. Heimleiterin Edda Bekemeier beobachtet die Auswirkungen des Besuchsverbots mit Sorge. „Hier ist ja nichts mehr los. Aus einem offenen Haus ist fast eine Art Gefängnis geworden. Wir tun alles dafür, dass unsere Bewohner nicht vereinsamen. Aber wenn von heute auf morgen alle sozialen Kontakte quasi wegfallen, ist das natürlich schwierig aufzufangen.“ Viele Angehörige würden zudem das Pflegepersonal unterstützen. Auch diese Hilfe fehle jetzt. „Wir müssen aufpassen, dass die Stimmung nicht kippt.“

Das Wichtigste aber sei, sagt Edda Bekemeier, dass „wir bislang noch Corona-frei sind. Ich hoffe inständig, das Virus macht einen großen Bogen um unsere Einrichtung, oder dass wir zumindest glimpflich davon kommen.“

„Es wird alles gut“: Diese Botschaft samt Corona-Bild hat der siebenjährige Esad ans Johannes-Haus geschickt. Foto: Moritz Winde

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