Psychologin Ursula Löllmann erklärt, wie man durch die Krise kommt
„Angst ist ein schlechter Ratgeber“

Herford (WB). Man muss nicht mit dem Virus infiziert sein, um unter der Coronakrise zu leiden. Die wirtschaftlichen Folgen, die psychische Belastung durch die Kontaktsperre, die Ungewissheit, was auf uns alle zukommt, lässt so manchen nicht in den Schlaf kommen. Bernd Bexte hat darüber mit Psychologin Ursula Löllmann vom Institut für klinische Psychologie des Klinikums gesprochen.

Sonntag, 05.04.2020, 10:00 Uhr aktualisiert: 05.04.2020, 11:00 Uhr
Die Maßnahmen in Zeiten der Coronakrise können den Menschen aufs Gemüt schlagen. Psychologin Ursula Löllmann empfiehlt unter anderem eine feste Tagesstruktur, um sich vor psychischen Problemen zu schützen. Foto: dpa

Die Coronakrise ist relativ unvermittelt in wenigen Tagen über uns alle gekommen. Ist es nicht ganz normal, dass viele Menschen damit überfordert sind?

Ursula Löllmann: Es ist sicherlich für jeden eine große Herausforderung und nicht jeder reagiert mit Überforderung darauf. Überfordert sein, wäre nur allzu menschlich. Schließlich hat die Menschheit so etwas seit der Spanischen Grippe in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg nicht mehr erlebt. Wichtig ist und bleibt, dass wir alle die Schutzregeln einhalten, also Abstand wahren, Kontakte vermeiden, Hände regelmäßig waschen.

 

Merken Sie in Ihrem Berufsalltag, dass sich die aktuelle Lage auf die Befindlichkeit Ihrer Patienten auswirkt?

Löllmann: Die gravierendste Veränderung ist natürlich die Einschränkung der Besuche. Das ist schon bitter. Da sind wir gefordert, was aufzufangen. Ich selber merke es aber auch, beispielsweise weil ich bei jedem Gespräch eine Schutzmaske trage. Da kann mein Gegenüber die Mimik gar nicht wahrnehmen. Die Stimmung ist jetzt halt ganz anders.

Tipps vom Experten

Konsumieren Sie Medien bewusst und gezielt. Fakten helfen gegen überschwemmende Gefühle – allerdings in Maßen. Von einer unablässigen Informationsflut sollte man sich hüten. Bewegen Sie sich. Sport ist auch auf engem Raum möglich. Pflegen Sie soziale Kontakte über Telefon und Videochats und sprechen Sie mit Nahestehenden über Ihre Gefühle. Halten Sie sich von Panikmachern fern und denken Sie an Positives. Begrenzen Sie das Grübeln. Ein „Zuviel“ verursacht Stress. Denken Sie daran: Die Krisensituation wird vorüber gehen.

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Viele Eltern müssen nun bei Sonnenschein mit ihren Kindern zu Hause sitzen. Wie lässt sich eine solche Situation bewältigen, ohne dass es zum Lagerkoller kommt?

Löllmann: Wichtig ist, an einer Tagesstruktur festzuhalten, also zu einer festen Zeit aufstehen, anziehen, waschen und die Mahlzeiten regelmäßig einnehmen. Man sollte sich auch genau überlegen, was muss heute gemacht werden und was tue ich, weil es mir Spaß macht. Und es ist natürlich weiterhin möglich, Kontakt zu anderen Menschen zu halten, auch wenn das jetzt etwas schwieriger ist. Aber über Telefon, Chats oder Skype ist ja vieles möglich. Man sollte die technischen Möglichkeiten nutzen und sich bloß nicht zurückziehen. Das wäre schlimm.

 

Ist es sinnvoll, mit den Kindern über den Ernst der Lage, auch die eigene, vielleicht belastende wirtschaftliche Situation zu sprechen oder würde man Kinder damit zu sehr verunsichern?

Löllmann: Es ist wichtig, jedes Kind seinem Alter gemäß anzusprechen und nicht zu überfordern. Ich denke aber, dass es nicht so wichtig ist, dass ein Kind mitbekommen sollte, wenn die wirtschaftliche Situation brenzliger wird. Wenn die Kinder natürlich merken, dass da etwas in der Luft liegt, sollte man es schon thematisieren, bevor die Fantasie Purzelbäume schlägt. Da kennen die Eltern ihre Kinder aber sicherlich gut genug, um das einzuschätzen.

 

Halten Sie es für wahrscheinlich, dass mit anhaltender Dauer der erheblichen Einschränkungen im Alltag die Stimmung kippt und weite Teile der Bevölkerung die Rückkehr zum gewohnten Alltag und in den Job einfordern – auch aus finanzieller Not?

Löllmann: Ich denke da anders und Psychologen sollten das auch unterstützen: nicht in Katastrophen-Szenarien zu denken, sondern in Chancen. Das heißt nicht, dass man nicht über seine Ängste sprechen darf. Nur: Angst ist ein schlechter Ratgeber. Man sollte sich vor Augen führen: Jede Krise birgt viele Möglichkeiten für etwas Neues. Und das sehe ich zurzeit an vielen Stellen: wie die Menschen sich gegenseitig helfen, aufeinander zugehen, kreative Ideen entwickeln, solidarisch sind. Vieles von dem, was wir gerade erleben, war zuvor doch gar nicht möglich. Ich hoffe, dass wir durch diese Krise eine neue Form des Miteinanders entwickeln. Und noch einmal: Die Einschränkungen sind sinnvoll und notwendig.

 

Aber nicht immer leicht einzuhalten und zu akzeptieren.

Löllmann: Damit sollte man ganz sachlich umgehen. Denn diese Dinge sind erforderlich, um sich und andere zu schützen. Man sollte das nicht als etwas Repressives auffassen, sondern als Teil der Fürsorge für sich und andere.

 

Und wenn dann doch einmal die Sorge überwiegt, gibt es Strategien, sich selbst zu helfen?

Löllmann: Ja, die Affirmation. Ich schule mich damit quasi selbst, an Leichtigkeit und Genuss zu denken. Man kann beispielsweise stärkende Sätze entwickeln, die einem helfen, gut durch die Krise zu kommen.

 

Nennen Sie doch mal ein Beispiel.

Löllmann: „Auch wenn die gegenwärtige Situation meine ganzen Pläne über den Haufen wirft, möchte ich das Beste draus zu machen.“ Das wäre so ein Satz, ein Motto für das Leben.

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