Akute Psychose: Angeklagter (21) nicht verhandlungsfähig Heiratsantrag im Gerichtssaal

Herford (WB).Er lächelte unentwegt die Staatsanwältin an und machte der Dolmetscherin einen Heiratsantrag: Sofort war klar, dass mit diesem Angeklagten etwas nicht stimmt.

Von Moritz Winde
Der Angeklagte verbüßt derzeit eine dreieinhalbjährige Haftstrafe in der JVA Herford.
Der Angeklagte verbüßt derzeit eine dreieinhalbjährige Haftstrafe in der JVA Herford. Foto: Moritz Winde

Eigentlich sollte sich der 21-Jährige am Donnerstag vor dem Herforder Jugendschöffengericht verantworten. Doch bevor der Prozess wegen vorsätzlicher Körperverletzung und Sachbeschädigung überhaupt losging, war er zu Ende. Der Psychiater winkte ab: „Keine Chance. Der Mann steht ja völlig neben sich, er ist nicht verhandlungsfähig.“ Offenbar habe der Angeklagte eine akute Psychose, leide unter Wahnvorstellungen. „Er muss medikamentös richtig eingestellt werden – am besten in Fröndenberg.“

In der Kleinstadt im Kreis Unna befindet sich die Psychiatrische Abteilung des Justizvollzugskrankenhauses NRW. Das Problem: Die Klinik hinter Gittern ist überlaufen, es gibt lange Wartelisten. Deshalb ging es für den Marokkaner zunächst zurück in den Herforder Jugendknast.

Hinter den roten Backsteinmauern an der Eimterstraße sorgt er seit Dezember für erhebliche Unruhe. Richterin Dr. Tanja Schwöppe-Funk: „Er zeigt ein auffällig sexualisiertes Verhalten, streckt so ziemlich jedem seinen nackten Po entgegen und will Geschlechtsverkehr.“ Zudem neige er zu Gewaltausbrüchen.

Bauchgurt, Fußfesseln, Handschellen

Weil niemand weiß, wie der 21-Jährige reagiert, wurden hohe Sicherheitsmaßnahmen angeordnet – Bauchgurt, Fußfesseln, Handschellen. Mehrere Justizbeamte passten auf. Dass sein Mandant krank sein könnte habe er bereits beim ersten Hauptverhandlungstermin im September bemerkt, sagt Verteidiger Dr. Tobias Diedrich. „Er konnte sich an nichts erinnern, sagte, er höre Stimmen.“ Der Anwalt war der Überzeugung, der 21-Jährige sei zumindest vermindert schuldfähig – und beantragte ein psychiatrisches Gutachten.

2017 flüchtete der junge Mann nach Deutschland – und wurde bereits wenig später straffällig. Das Amtsgericht Dorsten verurteilte ihn unter anderem wegen Raubes, Körperverletzung und Bedrohung zu dreieinhalb Jahren Haft.

Im Gefängnis hielt er sich jedoch nicht an die Regeln. 2018 verletzte er in der JVA Wuppertal eine Beamtin mit einem Kopfstoß, 2019 zündelte er in der JVA Herford in seiner Zelle. Für diese Straftaten wird er so schnell vermutlich nicht zur Rechenschaft gezogen werden können. Zunächst muss es ihm besser gehen.

Beim Verlassen des Gerichtssaals richtete er sich noch einmal mit einem breiten Grinsen an seine Dolmetscherin: „Nehmen Sie meinen Antrag an?“

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