Neues Konzept: Jobcenter bringt auch Menschen nach mehr als sieben Jahren Erwerbslosigkeit in den Beruf
So bekommen Langzeitarbeitlose eine Stelle

Herford (WB). Fünf, sechs, sieben Jahre Arbeitslosigkeit – geht da eigentlich noch was? „Na klar“, sagt Klaus Binnewitt. Das Jobcenter Herford, dessen Geschäftsführer er ist, hat im vergangenen Jahr 500.000 Euro in die Hand genommen, um Menschen nach besonders langer Arbeitslosigkeit eine Stelle zu vermitteln. 174 Frauen und Männer im Kreis Herford – zwei Drittel ohne Berufsausbildung – profitierten davon. Sie arbeiten als Produktionshelfer, im Garten- und Landschaftsbau, als Hausmeister, in Großküchen oder auch mal im Archiv.

Donnerstag, 06.02.2020, 12:00 Uhr
Die Agentur für Arbeit an der Hansastraße. Hier ist auch das Jobcenter untergebracht. Foto: Moritz Winde

Für die Arbeitgeber sind die finanziellen Anreize groß: Für Menschen, die seit mindestens zwei Jahre arbeitslos sind, erhalten sie einen 75-prozentigen Zuschuss zum Arbeitsentgelt im ersten Jahr der Beschäftigung, 50 Prozent im zweiten Jahr. Für Arbeitslose, die älter als 25 sind und in den vergangenen sieben Jahren mindestens sechs Jahre Arbeitslosengeld II (Hartz IV) bekommen haben, bekommen sie sogar den kompletten Lohn oder das Gehalt erstattet.

Bei einer Förderhöchstdauer von fünf Jahren werden es erst ab dem dritten Jahr jeweils zehn Prozent weniger. Das seit einem Jahr geltende Teilhabenchancengesetz macht diese Förderung möglich. „Es ist doch besser Arbeit zu finanzieren als Arbeitslosigkeit“, sagt Binnewitt. Die Maßnahme greife, meint auch Jobcenter-Mitarbeiterin Michaela Lechtermann, die sowohl Erwerbslose als auch Arbeitgeber berät. „Wir hatten im ersten Jahr lediglich elf Abbrecher“ – eine vergleichsweise geringe Quote. Aktuell sei der Stellenpool mit 250 Beschäftigungsmöglichkeiten gut gefüllt.

„Ein großer Wurf“

Lechtermann wirbt diese bei den Unternehmen ein. „Wir begleiten die Bewerber aber auch zum Vorstellungsgespräch.“ Hilfe gebe es auch bei privaten Problemen von der Wohnungssuche bis zur Schuldnerberatung. Sozialarbeiter eines beauftragten Unternehmens würden die Neueingestellten zudem in ihrem Job begleiten. „Denn nach so langer Zeit in der Erwerbslosigkeit ist der Beratungsbedarf groß.“

Landrat Jürgen Müller – der Kreis ist gemeinsam mit der Arbeitsagentur Träger des Jobcenters – freut sich, dass mehr als ein Drittel der so geförderten Jobs in der freien Wirtschaft entstanden seien. „Das ist nicht selbstverständlich.“ Bei Beschäftigungsträgern hätten 44 Prozent der Langzeitarbeitslosen eine Stelle gefunden, 22 bei einer der neun Kommunen des Kreises. Frauke Schwietert, Leiterin der Herforder Arbeitsagentur, spricht sogar von einem „großen Wurf“, der es den Betroffenen ermögliche, „den Teufelskreis der jahrelangen Arbeitslosigkeit zu durchbrechen“, um nicht mehr von Transferleistungen abhängig zu sein.

Noch nie so wenige Hartz-IV-Empfänger

Die sind für viele Menschen im Kreis immer noch überlebenswichtig: Mehr als 15.500 Bürger beziehen hier Hartz IV, gut vier Prozent weniger als im Vorjahr. „Das ist der niedrigste Stand seit Einführung des Arbeitslosengeldes II vor 15 Jahren“, betont Binnewitt. 2005 habe es kreisweit noch 4000 Leistungsbezieher mehr gegeben. Sie würden nach Jobcenter-Angaben nur selten sanktioniert, weil sie gegen ihre Mitwirkungspflicht verstoßen: „97 Prozent der Menschen kommen mit diesem Thema nicht in Kontakt.“

Landrat Jürgen Müller macht sich trotz der positiven Zahlen Sorgen um den heimischen Ausbildungsmarkt. Nicht die Fakten, auch Gespräche mit Unternehmern belegten, dass die wirtschaftliche Eintrübung zu einer geringeren Ausbildungsbereitschaft führe. Er appelliert an die heimischen Wirtschaft, in der Bereitschaft, junge Menschen auszubilden, nicht nachzulassen. „Denn sie sind ja die dringend benötigten Fachkräfte von morgen.“

Kommentare

Diese Diskussion ist geschlossen. Kommentieren ist nicht mehr möglich.
 
https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/7241064?categorypath=%2F2%2F2158585%2F2158590%2F2198384%2F2198393%2F2514620%2F
Redet auch noch wer über Inhalte?
Bayerns MInisterpräsident Markus Söder (CSU). Foto: dpa
Nachrichten-Ticker