Uraufführung in Münster: Martin Heckmanns schreibt Stück über Geschichte der Bundesrepublik
„Es konnte nur besser werden“

Herford (WB). „Mein Vater und seine Schatten“ heißt das neue Stück von Martin Heckmanns. Vor der Uraufführung am 21. Februar in Münster hat Hartmut Horstmann dem in Herford aufgewachsenen Autor einige Fragen gestellt. In dem Interview geht es um die Schatten, die sein Vater wirft, um die Sehnsucht nach Heimat, um Theater als Überforderung und Palliativstation.

Mittwoch, 05.02.2020, 14:00 Uhr
Martin Heckmanns glaubt, dass das Theater ein Ort des Eingedenkens werden kann. In seinem neuen Stück geht es um Trauer – und um eine Zeitreise durch 70 Jahre Bundesrepublik. Foto: Max Zerrahn

 

Zum ersten Mal haben Sie ein Stück für das Theater in Münster geschrieben. Bisher waren es meist die Schauspielhäuser in Düsseldorf und Dresden. Wie kam der Kontakt nach Münster zustande?

Martin Heckmanns : Der Schauspieldirektor Frank Behnke hat vor Jahren in Nürnberg einen Text von mir zur Aufführung gebracht, die Chefdramaturgin Barbara Bily mein Stück „Einer und Eine“ in Augsburg. Vor etwa zwei Jahren haben die beiden mich das erste Mal gefragt, ob ich ein Stück für ihr neues Haus in Münster schreiben wolle. Das aktuelle Spielzeitthema „Deutschland“ empfand ich als anregende Überforderung – und über einige Umwege ist dann das neue Stück entstanden.

 

Warum Überforderung?

Heckmanns : Weil das Thema erst einmal zu groß wirkt, um es in ein Stück zu fassen. Weil man bei Deutschland erst einmal nicht an ein Drama mit Figuren im Dialog denkt, sondern eher an ein Gewirr unzähliger Stimmen.

Bei der Uraufführung entscheidet sich, wie ein Stück aufgenommen wird. Eine große Verantwortung hat hier der Regisseur. Nehmen Sie Einfluss?

Heckmanns : Der erwähnte Schauspieldirektor ist auch der Regisseur und wir haben uns im Vorfeld intensiv über das Thema und meinen ersten Entwurf ausgetauscht. Einige seiner Vorschläge sind in den Text eingeflossen. Bei unserem letzten Gespräch hatte ich sogar den Eindruck, er versteht einige Textstellen besser als ich. Weil er als Praktiker an die szenische Realisation denkt. Ich bin eingeladen, die Proben zu besuchen, und hoffe auf angenehme Überraschungen.

 

Beim Titel des Stückes denken Bekannte an Ihren Vater Jürgen Heckmanns, den Künstler. Vor einem Jahr ist er gestorben. Drängte sich das Thema nach seinem Tod auf?

Heckmanns : Es sollte, wie gesagt, erst einmal um Deutschland gehen in dem Stück. Zum 70. Geburtstag der BRD habe ich an eine Biographie dieses Landes gedacht. Die BRD als ein altes Gemeinwesen, aufgewachsen im Wirtschaftswunder, halbstark in den 50ern, studierend 68, mit Midlife-Krise in den 80er Jahren, Wiedervereinigung und heute womöglich vergesslich und orientierungsschwach. Die Hauptfigur trifft Frieda Nadig aus Herford, eine der vier „Mütter des Grundgesetzes“, diskutiert mit Herbert Marcuse und Niklas Luhmann.

Also geht es eher um die Gesellschaft?

Heckmanns : Ja, die Biographie orientiert sich stärker an gesellschaftshistorischen Ereignissen als am tatsächlichen Leben meines Vaters. Aber ich konnte auf viele unserer Gespräche und auf seine Erfahrungen zurückgreifen.

 

Das Stück beginnt mit der Rede, die Sie auf der Beerdigung Ihres Vaters gehalten haben. Sehr viel Nähe lassen Sie so zu, wo doch sonst die ironische Distanz eher ihr Metier ist. Wir kam es zu dem Wandel?

Heckmanns : Es ist ein Trauertext geworden, ohne dass ich es zu Beginn geahnt hätte. Aber ich wollte es auch nicht verhindern, gesuchter Witz ist selten treffend. Ich habe neulich gelesen, wir sollten ein palliatives Verhältnis zu unserem Planeten entwickeln. Sorge, Andacht, Innehalten scheinen mir der Gegenwart angemessener zu sein als ironische Distanz. Und das Theater kann ein Ort des Eingedenkens werden, wenn keiner wirklich weiter weiß.

 

Schatten, die Väter werfen, sind für die Söhne oft undankbar. Wie sieht es mit den Schatten Ihres Vaters aus?

Heckmanns : Sie sind lang, kommt mir vor, die Schatten dieser Generation. Ihr intellektuelles Erbe lässt sich nicht einfach ablehnen. Die Nachkommen bewegen sich auf Straßen, die sie selten selbst gebaut haben. Aber im Stücktitel sind ebenso die Schatten gemeint, die diese Väter in sich trugen und mit denen sie gekämpft haben. Und welch erstaunliche Kraft viele der Kriegskinder entwickelt haben in der Gestaltung dieses Landes. „Es konnte nur besser werden“, hat mein Vater einmal seine Perspektive als Kind beschrieben. Das würden die Erben heute wohl nicht mehr für sich behaupten.

 

Spätestens seit dem Erfolg von Knausgard ist autobiographisches Erzählen wieder literarisch salonfähig. Übertragen Sie dies auf die Bühne?

Heckmanns : Nein, es lässt sich nicht übertragen und ich hatte auch nicht die Absicht. Stärker angeregt hat mich das Buch „Die Jahre“ von Annie Ernaux mit ihrem Versuch einer unpersönlichen Biographie, in der sie nach verallgemeinerbaren Erfahrungen einer Generation sucht. In der Gegenwartsdramatik wird selten historisch über große Zeiträume erzählt – ich bin gespannt, welche Effekte dieses Erzählen auf der Bühne zeitigt. Das habe ich in dieser Form auch noch nicht versucht.

 

Ein anderes Thema, welches eine Rolle spielt, ist das Thema Heimat. Hat dieses Wort im Zeitalter von Globalisierung und Migration noch eine klare Bedeutung? Oder lebt es als Sehnsucht weiter?

Heckmanns : Als Sehnsucht in jedem Fall. Aber gerade deshalb ist es so gefährlich, damit Politik zu machen in den sogenannten Heimatministerien. In meinem Stück kehrt der Protagonist am Ende seines Lebens in seinen Geburtsort Dresden zurück und erkennt nichts wieder. Das Land erfährt er im Verlauf als unüberschaubar. Aufgehoben fühlt er sich am ehesten in seiner Kunst, auch wenn er seine Zeichnungen ständig der veränderten Wirklichkeit anpassen muss. Vielleicht sollte man Heimat besser in seinen Leidenschaften suchen als in den Landschaften.

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