Personalnot: Erhard Kirchhof (65) macht nach Verabschiedung als Chemielehrer weiter KMG-Chef geht – und bleibt doch

Herford (WB). Von wegen Ruhestand: Am letzten Januar-Freitag wird KMG-Chef Erhard Kirchhof verabschiedet. Nach 43 Jahren im Schuldienst sollte eigentlich Schluss sein. Doch am darauffolgenden Montag macht er weiter – und zwar als Vertretungslehrer in Chemie.

Von Moritz Winde
Vom Chefsessel ins Klassenzimmer: Erhard Kirchhof verschiebt seinen Ruhestand und arbeitet als Vertretungslehrer weiter. Der 65-Jährige vertritt ab Februar einen Kollegen in Chemie, der acht Wochen in Elternzeit geht.
Vom Chefsessel ins Klassenzimmer: Erhard Kirchhof verschiebt seinen Ruhestand und arbeitet als Vertretungslehrer weiter. Der 65-Jährige vertritt ab Februar einen Kollegen in Chemie, der acht Wochen in Elternzeit geht. Foto: Moritz Winde

Dies lässt erahnen, wie angespannt die Personalsituation im einstigen Oberlyzeum an der Vlothoer Straße ist. Derzeit seien fünf Vollzeitstellen nicht besetzt – oder wie es im Behördendeutsch heißt: im Unterhang. „Uns fehlen fast alle Fachrichtungen – von Mathe über Erdkunde bis Deutsch“, bedauert Erhard Kirchhof. Mit dem Lehrermangel musste sich der Oberstudiendirektor die letzten zehn Jahre herumschlagen – so lange hat er das Sagen auf dem Stiftberg.

Dickes Lob ans Kollegium

Das Königin-Mathilde-Gymnasium an der Vlothoer Straße: Hier werden 900 Schüler von 84 Lehrern unterrichtet. Foto: Winde

Sein Fazit fällt niederschmetternd aus: „Es ist immer schlimmer geworden. Es fehlt an allen Ecken und Enden. Der Betrieb kann nur aufrecht erhalten werden, weil die Kollegen sich über die Maßen engagieren.“ Ohne diesen Einsatz und einer Menge Idealismus würde nichts gehen.

Erhard Kirchhof hat kein Verständnis dafür, dass landauf, landab massiv Pädagogen fehlen. „Die Lehrerausbildung dauert in der Regel sieben Jahre. Wie viele Kinder jedes Jahr geboren werden, ist auch kein Geheimnis. Da muss man doch nicht Mathematik studiert haben, um zu wissen, wie viele Schüler es irgendwann einmal geben wird.“

Dem gebürtigen Lagenser ist anzumerken, wie sehr die Misere an seinen Nerven gezerrt haben muss. Er sagt, er habe immer versucht, dass kein regulärer Unterricht ausfallen müsse. „Das ist auch gelungen. Wenn aber ein Kollege krank wird, kann man natürlich wenig ausrichten.“

Aushilfen erhalten nur Halb-Jahres-Verträge

Lehrer fehlen vielerorts

„Insgesamt ist es derzeit schwierig, Nachwuchslehrkräfte zu finden“, klagt die Bezirksregierung Detmold. Besonders herausfordernd sei dies im ländlichen Raum. Vor allem Förder-, Grund-, Real-, Sekundar- und Gemeinschaftsschulen seien betroffen. Zahlen nur für den Kreis Herford hat die Behörde nicht vorliegen, sie entsprächen aber dem OWL-Trend: Demnach konnten zum Stichtag 15. November nur 50 der 69 ausgeschriebenen Stellen an den Realschulen besetzt werden.

Auch bei den Gesamtschulen blieben 52 der 258 vakanten Stellen offen. An den Gymnasien ist die Besetzungsquote mit mehr als 91 Prozent relativ hoch. Nur vier der 47 Stellen waren unbesetzt. Dass wie im Fall von KMG-Rektor Kirchhof Lehrer nach der Pensionierung aushelfen, sei gar nicht so selten. Auch hier kann die Bezirksregierung ad hoc keine konkreten Zahlen für Herford liefern. „Aber es sind einige“, sagt Sprecher Andreas Moseke.bex

Ein weiteres Problem seien aus seiner Sicht die vielen Vertretungslehrer. Am Königin-Mathilde-Gymnasium arbeiten aktuell zehn der so genannten EZU-Kräfte (Ersatz für Lehrer in Elternzeit). Sie unterrichten pro Woche 250 Schulstunden. Da diese Aushilfen aber meist nur mit Halb-Jahres-Verträgen ausgestattet sind, sei so etwas wie Konstanz unmöglich. „Es ist schon vorgekommen, dass ein Kollege im zweiten Halbjahr nicht mehr da war. Er hatte gekündigt. Solche Lehrer kann ich doch nicht zum Klassenlehrer einer Fünf machen.“

Unter der akuten Personalnot leiden nicht nur die 84 KMG-Lehrer. Auch Schüler und Eltern belaste die angespannte Lage. Deshalb und weil ihm das KMG am Herzen liege, verschiebt der 65-Jährigen seinen Ruhestand nach hinten. Erhard Kirchhof springt für einen Chemielehrer ein, der ab Februar für acht Wochen in Elternzeit ist. „Ich werde sechs Stunden die Woche in der 11. und 12. Jahrgangsstufe unterrichten.“

Ob es ein komisches Gefühl ist, dann nicht mehr Chef, sondern ganz normaler Lehrer zu sein? Erhard Kirchhof zuckt mit den Schultern und lächelt verlegen: „Vielleicht ein wenig.“ Klar ist: Ohne sein Einspringen müsste der Chemieunterricht ausfallen. Dabei geht es um nichts weniger als die Vorbereitung auf das Abitur.

Diese Frau übernimmt

Nadine Höner möchte neue Schulleiterin des Königin-Mathilde-Gymnasiums werden. Sie habe großes Interesse, Nachfolgerin von Erhard Kirchhof zu werden, sagt sie. Ab Februar übernimmt die 40-Jährige zunächst kommissarisch. Ab Ostern könnte sie dann dauerhaft die Leitung übernehmen.

Voraussetzung dafür ist, dass sie die schriftliche Prüfung besteht. Wer in NRW Schulleiterin werden will, muss ein Eignungsfeststellungsverfahren erfolgreich absolvieren. Dabei müssen die Kandidaten ihre Eigenschaften als Manager beweisen. Nach Informationen dieser Zeitung ist sie die einzige Bewerberin.

Nadine Höner traut sich den Job zu: „Ich finde es unglaublich faszinierend, Schule als Ganzes im Blick zu haben und sie mit Schülern, Lehrern und Eltern weiter zu entwickeln.“ Die Bielefelderin unterrichtet seit drei Jahren Englisch und Biologie am KMG, seit einem Jahr ist sie stellvertretende Leiterin. Sie ist verheiratet und hat zwei Kinder.

Nadine Höner unterrichtet Englisch und Biologie. Foto: Moritz Winde

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