Kabarettist Hagen Rether mit unbequemen Wahrheiten im Herforder Stadttheater Alles Banane – oder?

Herford (WB). Hagen Rethers (50) Auftritt im Stadttheater war kein klassisches Kabarett, sondern eher eine Plauderstunde – besser gesagt waren es fast vier Plauderstunden, in denen er mit seinem Programm „Liebe“ bis Mitternacht die Zuschauer zum Mit- und Weiterdenken anregte.

Von Helga Ruß
Genüsslich verzehrt Hagen Rether während der Vorstellung eine Banane. Der „grüne“ Rether beklagt die Umweltfolgen des ungebremsten Fleischkonsums
Genüsslich verzehrt Hagen Rether während der Vorstellung eine Banane. Der „grüne“ Rether beklagt die Umweltfolgen des ungebremsten Fleischkonsums Foto: Helga Ruß

Unaufgeregt, fast beiläufig und mit einer Portion Ironie und Sarkasmus, bedient er sich im langsamen Ductus und schnellen Themenwechsel nicht bloßer Pointen, sondern spricht unbequeme Wahrheiten gesellschaftlicher und politischer Situationen aus. Er kratzt die Oberfläche frei, um in die Tiefe zu gehen, zu hinterfragen, sich zu wundern und das Publikum aufzurütteln, selber zu denken und zu handeln.

Nicht immer nur über „die da oben“ schimpfen, sondern Eigenverantwortung zeigen, meint er. Wenn zum Beispiel ein gewünschtes Tempolimit 130 noch nicht eingeführt ist, nicht jammern, sondern freiwillig schon mal langsamer fahren. Nicht die christlichen Werte gegen die Flüchtlinge verteidigen, sondern die christlichen Werte für die Flüchtlinge anwenden. Mitgefühl und Menschenliebe leben, Flagge zeigen gegen Rassismus und Antisemitismus. Der Staat aber, meint Rether, habe mehr die Linke im Blick als die rechte Brut.

Ein Virtuose am Klavier

Die Politik habe zu viel auf wirtschaftliches Wachstum gesetzt und dabei vieles vernachlässigt: „Wir brauchen mehr Altenpfleger, mehr Lehrer; wir müssen aufpassen, dass unsere Kinder nicht an den Turbo-Kapitalismus verfüttert werden“. In einer zunehmend digitalisierten Welt müssten die Kinder erst einmal mit der analogen Welt vertraut gemacht werden.

Rether wünscht sich für die Schule zwei neue Fächer: Veganes Kochen und gewaltfreie Kommunikation. „Denn erst wenn die Kinder gelernt haben, gewaltfrei zu kommunizieren, kann man ihnen diese brisanten Internet-Turbomedien an die Hand geben.“

Und „Veganes Kochen“? Der „grüne“ Rether, dessen Partei einst einen Veggie-Tag pro Woche vorgeschlagen hatte, beklagt die Umweltfolgen des ungebremsten Fleischkonsums und fürchtet, dass wir bald alle Holländer und Norddeutsche im Schwarzwald stapeln müssen. Ebenso schmerzt ihn, wie wir die Tiere verachten. Weihnachtsbraten, Martinsgans, Silvesterkarpfen, Osterlamm. „Das liegt daran, dass wir 2000 Jahre lang gesagt bekommen haben, wir seien die Krone der Schöpfung.“

Rether sitzt während der Vorstellung am Flügel, spielt ihn aber nicht. Es scheint, als sei das Instrument lediglich als Ablage für seine Bananen da, die er während der Vorstellung genüsslich verzehrt; aus Jux oder um seinen Serotonin-Spiegel zu halten, weil es sich mit dem Glückshormon besser kritisiert? Er verrät es nicht. Oder ist alles Banane?

Erst am Schluss beweist er seine Virtuosität am Flügel und untermalt seine Sätze mit einem tollen Medley aus klassischer und Unterhaltungsmusik. „Machen Sie mal eine Liste mit all den Dingen, für die Sie dankbar sind“, sagt er und fügt leise hinzu: „Seien sie gut zu ihren Kindern!“ Und aus den Kulissen murmelt es: „Sie schaffen das.“

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