30 Jahre Mauerfall: Mathias Polster fuhr am Tag danach los – Verwandte im Kreis Herford
Mit dem Trabi in die neue Heimat

Herford (WB). Kaum war die Mauer gefallen, da war Mathias Polster auch schon da – mit Frau und Kind angereist im kleinen Trabi. Und geblieben ist der Mann aus Sachsen bis heute.

Sonntag, 03.11.2019, 10:36 Uhr aktualisiert: 03.11.2019, 11:00 Uhr
Bünder Marktplatz, am Samstag nach dem Mauerfall: Mathias Polster, soeben aus Sachsen eingetroffen, deckt sich an einem Obststand mit frischen Lebensmitteln ein. Im Hintergrund ist sein Trabi zu sehen. Foto: Siegfried Polster

Stadtführer Mathias Polster ist 60 Jahre alt und hat die vielen besonderen Augenblicke von damals vor Augen, als wäre das alles erst vor einer Stunde passiert. Die Erinnerung an den Moment, als er nachts um drei Uhr bei seinem großen Bruder in Bünde klingelte und dieser ihn euphorisiert umarmte. Oder als er nach zwei Stunden Schlaf am Samstag mit seinem Trabi auf dem Bünder Marktplatz parkte: »Es war wohl der allererste Trabi in Bünde.«

Im Trabi über den Alten Markt

Oder Stunden später, als die Familie nach Herford fuhr. Polster erinnert sich daran, dass er irgendwann mit seinem Auto über den Alten Markt rollte: »Wie ich dahin gekommen bin, weiß ich bis heute nicht. Es ist ja eine Fußgängerzone.« Aus dem Trabi erblickte er das Münster – und war überwältigt: »Ich dachte Wow! Hier will ich bleiben.« Die Entscheidung für Herford fiel also in der verbotenen Zone.

Die Entscheidung gegen die DDR jedoch war schon gefallen, bevor die Mauer fiel. Sein Bruder und seine Mutter lebten bereits im Kreis Herford. Der 30-jährige Mathias stand vor der Ausweisung, sollte im Januar 1990 folgen. Der Ausreisetermin stand schon fest, doch der Mauerfall kam ihm zuvor.

Zu den Grenztruppen eingezogen

Am 9. November, einem Donnerstagabend, wurde die Grenze geöffnet. Am anderen Tag tankte Polster seinen Trabi voll, füllte weitere Kanister mit Benzin und machte sich mit Frau und Tochter auf die Reise in den Westen. Von dem wenigen Geld, das er dabeihatte, investierte er an einer Tankstelle in Kassel zwölf Mark in den Kauf einer Straßenkarte. Viele Stunden war die Familie unterwegs. Nach zwei Tagen im Kreis Herford hatte Mathias Polster bereits einen Job sicher – und zwar im Stuckateurgeschäft des Herforders August Pott.

Aufgewachsen ist er in einem kleinen Dorf in der Nähe von Chemnitz. Sein Vater war Korbmachermeister. Sohn Mathias war in seiner Jugend eher unpolitisch – bis das passierte, was er heute als »politischen Knacks fürs Leben« bezeichnet: »Ich wurde zu den Grenztruppen der DDR eingezogen.« Mit den anderen Soldaten hatte der junge Mann die Aufgabe, »Grenzverletzer aufzuspüren und zu vernichten«. Und obwohl er selbst nie schießen musste, merkte er »plötzlich sehr brutal, was dieser Staat den Menschen antut«.

Karikaturen ans Neue Deutschland

Nach der Militärzeit trat er aus der Deutsch-Sowjetischen Freundschaft aus und verlor daraufhin seinen Job als Stuckateur. Mehrfach wechselte Polster bis zur Grenzöffnung die Branche. Aus heutiger Sicht besonders bemerkenswert sind seine regimekritischen Karikaturen, die er auch an das Neue Deutschland schickte. Deren Journalisten konnten seinen Humor jedoch nicht teilen, so dass die DDR-Satiren zur Durchsuchung seiner Werkstatt führten. »Ein paar Blätter haben sie offenbar nicht gefunden«, sagt der Stadtführer – und zeigt auf zwei Umschläge voller DIN A4-Blätter.

Wenn Mathias Polster heute zurückblickt, empfindet er Zufriedenheit, ja sogar Glück. Nostalgie ist seine Sache nicht und er sagt: »Herford ist für mich zu meiner Heimat geworden. Ich habe eine Herforderin geheiratet. Hier fühle ich mich sehr wohl.«

Kein Verständnis für AfD-Wähler

Kopfzerbrechen bereiten ihm die guten Wahlergebnisse der AfD im Osten Deutschlands. Auch Menschen, die er von früher her kennt, wählen die Partei und Polster betont: »Dafür habe ich überhaupt kein Verständnis. Das ist wie, als würde man aus Angst vor dem Tod Selbstmord begehen.«

Nichtsdestotrotz verstehe er die Probleme, die die Menschen im Osten auch 30 Jahre nach dem Mauerfall hätten. Für die Politiker der so genannten bürgerlichen Mitte gebe es nur einen Weg: »Sie müssen mit den Bürgernreden.«

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