Gefährlichen Atempausen auf der Spur – eine Nacht im Schlaflabor des Klinikums Herford
Totalüberwachung beim Träumen

Herford (WB). Völlig gerädert wache ich auf. Mein erster Gedanke: Bloß weg hier! Geht aber nicht. An meinem Körper kleben unzählige Kabel.

Mittwoch, 02.10.2019, 12:02 Uhr aktualisiert: 02.10.2019, 20:40 Uhr
Bereit zum Träumen: Das Einschlafen aber ist angesichts der vielen Kabel, Elektroden und Gurte an meinem Körper ziemlich gewöhnungsbedürftig. Irgendwann kriege ich dann doch die Kurve. Die Nacht im Schlaflabor endet um 4.44 Uhr. Anschließend freue ich mich auf mein eigenes Bett. Foto: Moritz Winde

Am Abend zuvor: Schwester Olga Bernhardt braucht eine halbe Stunde, um mich für die Nacht zu präparieren. Hirnströme, Atemfluss, Sauerstoffsättigung, Puls, Herzmuskulatur, Körperlage und sogar die Bewegungen der Arme und Beine werden kontrolliert und protokolliert. Mit etwas Fantasie erinnert der Raum an ein modernes Jugendherbergszimmer.

Nur der Geruch von Desinfektionsmittel sagt: Wir sind hier im Krankenhaus. Wie soll man mit all diesem Gedöns bloß pennen können? Zu allem Überfluss ist die Decke zu kurz. Und draußen macht die Belüftungsanlage mächtig Wirbel. Es gibt angenehmere Einschlaf-Bedingungen.

Wo ist die Fernbedienung? Statt eines Fernsehers – auf eine Glotze wurde bewusst verzichtet, da sie das Einschlafen beeinflusst – hängt eine Infrarot-Kamera an der Wand. Ein Mikrofon zeichnet die (Schnarch)-Geräusche auf – Totalüberwachung beim Träumen eben. »Eine Klingel gibt’s bei uns nicht. Wenn Sie etwas brauchen oder zur Toilette müssen, knipsen Sie die Tischlampe an. Ich habe ja alles im Blick«, sagt Olga Bernhardt.

Alles im Blick: Nachtschwester Olga Bernhardt überwacht die Patienten auf dem Monitor.

Alles im Blick: Nachtschwester Olga Bernhardt überwacht die Patienten auf dem Monitor. Foto: Winde

Die 51-Jährige ist eigentlich Verkäuferin. Als Quereinsteigerin wacht sie seit mittlerweile drei Jahren über die Schlafenden, deren Vitalfunktionen und Verhalten sie auf den Monitoren verfolgt. Sie kann so manche Geschichte erzählen: »Es gibt Leute, die springen panisch auf. Manche zappeln die ganze Zeit, andere sprechen im Schlaf. Und dann sind da noch diejenigen, die alles in Grund und Boden schnarchen.«

Unter Beobachtung: Infrarot-Kamera und Mikrofon hängen in jedem Zimmer.

Unter Beobachtung: Infrarot-Kamera und Mikrofon hängen in jedem Zimmer. Foto: Winde

Fakt ist aber: Immer mehr Menschen finden nachts immer weniger Ruhe – und sind dann am anderen Tag ständig müde. Oder sie meinen, gut geschlafen zu haben, sind aber trotzdem unausgeruht. Alexander Kemper, Leiter des Schlaflabors, erzählt: »Es gibt Patienten, die muss ich im Wartezimmer wecken, so kaputt sind die.« Wem tagsüber die Augen zufallen – Stichwort: Sekundenschlaf –, für den ist höchste Eile geboten. »Das kann zum Beispiel beim Autofahren gefährlich werden. Wenn der Leidensdruck so hoch ist, schieben wir den Patienten dazwischen«, sagt Kemper.

Beim Anlegen der Elektroden, Gurte und Schläuche wird klar: Diese Untersuchung – sie kostet die Krankenkasse 350 Euro – ist mit hohem Aufwand verbunden. Alles zum Wohl der Patienten. Trotzdem liegt auf diesem Gebiet der Medizin noch vieles im Dunkeln.

Mögliche Therapie: Mit solchen Masken können Atempausen verhindert werden.

Mögliche Therapie: Mit solchen Masken können Atempausen verhindert werden. Foto: Winde

Was passiert mit dem Menschen, wenn er sich aufs Ohr haut? Diese Frage treibt Alexander Kemper seit seinem Studium um. »Lange hat man sich darüber keine Gedanken gemacht. Es gab nur schlafen und nicht schlafen. Und wer nicht schlafen konnte, bekam eine Tablette«, sagt der Internist und Pneumologe. Der Oberarzt leitet das Schlaflabor im Klinikum. Er hilft Frauen und Männern, für die Schlafen zum Albtraum geworden ist.

Vor allem Übergewichtige sind betroffen

In mehr als 90 Prozent der Fälle verursacht eine falsche oder fehlende Atmung die Schlafstörung. Kemper: »Es gibt Patienten, die haben 100 Atemaussetzer pro Stunde. Manche davon dauern eine Minute und länger. Dadurch wird der Körper mit zu wenig oder gar keinem Sauerstoff versorgt. Man kann sich vorstellen, wie stressig dies für den Organismus ist.«

Betroffen sind vor allem Übergewichtige – und zwar in etwa 70 Prozent der Fälle. Das Fett drückt auf die Rachenwänder und verengt so den Luftzufluss. Spezielle Masken sehen zwar unheimlich aus, können aber helfen: Sie erzeugen einen Überdruck und schaffen mehr Platz in der Kehle – für viele Betroffene eine Befreiung.

Der Bedarf ist immens: Die Wartezeit für einen Termin im Schlaflabor beträgt mindestens sechs Monate. In 365 Nächten im Jahr – bis auf Weihnachten und Silvester – sind die vier Zimmer ausgebucht. Derzeit wird darüber nachgedacht, die Anzahl der Plätze auf sechs, vielleicht sogar auf acht zu erweitern. Das Schlaflabor im Klinikum ist das einzige im Kreis Herford.

Um exakt 4:44:07 Uhr ist die Nacht für mich vorbei. Gefühlt habe ich nicht geschlafen, mein Polysomnographie-Report aber sagt etwas anderes. Meine totale Schlafzeit beträgt 349 Minuten oder 5,81 Stunden – guter Durchschnitt also. »Alles unauffällig«, bilanziert Oberarzt Kemper. Merkwürdig: Ich war überzeugt, mein Schlaf ist ungesund. Mich beschleicht das Gefühl, meine Kinder könnten daran nicht ganz unschuldig sein. Sie machen gerne die Nacht zum Tag. Ich freue mich jetzt auf mein Bett.

Alexander Kemper (37) ist in Bünde geboren und in Bad Oeynhausen aufgewachsen. Studiert hat er in Marburg. Approbation als Arzt war Ende 2009. Aus Beziehungsgründen zog er zurück nach OWL. 2010 fing er im Klinikum Herford als Assistenzarzt an. Seine Weiterbildung zum Facharzt für Innere Medizin und Pneumologie sowie Schlafmedizin absolvierte er in den Kliniken in Herford und Bielefeld-Bethel. Seit Juli 2016 ist Kemper Pneumologe, seit Januar 2018 auch Schlafmediziner. Mittlerweile arbeitet er als Oberarzt in der Medizinischen Klinik I im Klinikum Herford und ist dort zusammen mit seinem Kollegen Dr. Matthias Ruhe für den Bereich Pneumologie verantwortlich.

Alexander Kemper (37) ist in Bünde geboren und in Bad Oeynhausen aufgewachsen. Studiert hat er in Marburg. Approbation als Arzt war Ende 2009. Aus Beziehungsgründen zog er zurück nach OWL. 2010 fing er im Klinikum Herford als Assistenzarzt an. Seine Weiterbildung zum Facharzt für Innere Medizin und Pneumologie sowie Schlafmedizin absolvierte er in den Kliniken in Herford und Bielefeld-Bethel. Seit Juli 2016 ist Kemper Pneumologe, seit Januar 2018 auch Schlafmediziner. Mittlerweile arbeitet er als Oberarzt in der Medizinischen Klinik I im Klinikum Herford und ist dort zusammen mit seinem Kollegen Dr. Matthias Ruhe für den Bereich Pneumologie verantwortlich. Foto: Moritz Winde

Tipps zum Einschlafen

1. Gehen Sie erst ins Bett wenn Sie sich ausreichend müde fühlen. Körperliche Aktivität am Tage hilft dabei, am Abend zu gegebener Zeit müde zu werden.

2. Vermeiden Sie unbedingt, bereits vor dem Zubettgehen auf dem Sofa einzuschlafen. Dadurch reduziert sich der Schlafdruck erheblich und das Einschlafen im Bett kann sich verzögern.

3. Alkohol am Abend macht zwar müde, verschlechtert die Qualität des Schlafes allerdings deutlich.

4. Blaues Licht (Fernseher, E-book etc.) vor dem Zubettgehen signalisiert »wach« und kann das Einschlafen ebenfalls erschweren. Ob dieses Phänomen für einen selber eine Rolle spielt, muss jeder selbst herausfinden.

5. Wer im Bett liegt und nicht einschlafen kann, sollte nach angemessener Zeit wieder aufstehen (Empfehlung: nach circa 30 Minuten), dann einer beruhigenden Tätigkeit (zum Beispiel Lesen) nachgehen und es danach erneut versuchen.

6. Keinesfalls sollte man ständig auf die Uhr schauen, wenn man im Bett liegt und nicht einschlafen kann. Das führt zu Stress und macht das Einschlafen damit noch schwerer.

Zum Schlaflabor im Klinikum geht’s nach rechts.

Zum Schlaflabor im Klinikum geht’s nach rechts. Foto: Moritz Winde

 

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