40-Jähriger soll Söhne in Neujahrsnacht 2018 zu Sprung aus Fenster gedrängt haben
Vater wegen Vollrausches angeklagt

Spenge (WB). Volltrunken soll er seine beiden Söhne (6/9) zum Sprung aus dem Fenster des 2. Stocks gedrängt haben: In Kürze wird dem Vater der Prozess gemacht.

Samstag, 07.09.2019, 08:08 Uhr aktualisiert: 07.09.2019, 08:50 Uhr
Aus diesem Fenster stürzten die beiden Jungen in der Neujahrsnacht 2018 sechs Meter in die Tiefe. Der volltrunkene Vater soll sie dazu gedrängt haben.

Die Staatsanwaltschaft Bielefeld hat den 40-Jährigen allerdings nicht wegen versuchter Tötung oder gefährlicher Körperverletzung angeklagt. »Der Vorwurf lautet auf Vollrausch«, sagt Alea Blöbaum. Sie ist die Vorsitzende Richterin des Herforder Schöffengerichts, an dem die dramatischen Geschehnisse aus der Neujahrsnacht 2018 schon bald – noch steht der Termin nicht fest – in der Hauptverhandlung aufgearbeitet werden sollen.

Das sagt das Gesetz

Wer sich betrinkt oder unter Drogen setzt und in diesem Vollrausch – umgangssprachlich mit »Filmriss« gleichgesetzt – eine Straftat begeht, ist unter Umständen schuldunfähig und kann wegen dieser Tat nicht bestraft werden. Diese Strafbarkeitslücke schließt Paragraf 323 a des Strafgesetzbuches, indem er das »sich in den Rausch versetzen« unter Strafe stellt, falls jemand danach straffällig wird.

Wörtlich heißt es: »Wer sich vorsätzlich oder fahrlässig durch alkoholische Getränke oder andere berauschende Mittel in einen Rausch versetzt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder mit Geldstrafe bestraft, wenn er in diesem Zustand eine rechtswidrige Tat begeht und ihretwegen nicht bestraft werden kann, weil er infolge des Rausches schuldunfähig war oder weil dies nicht auszuschließen ist.«

...

Der Fall hatte bundesweit für Schlagzeilen gesorgt. Am 1. Januar waren gegen 0.30 Uhr zwei Jungen aus dem zweiten Stock auf die Straße gestürzt und hatten sich verletzt. Die Brüder hatten den letzten Abend des Jahres 2017 in der väterlichen Wohnung im Lönsweg in Spenge verbracht. Dann entschied sich der Vater dazu, bei Nachbarn zu feiern. Er trank reichlich Alkohol, die später durch die Polizei angeordnete Blutprobe ergab einen Wert von 2,5 Promille.

Wegen seiner Trunkenheit verdarb der Spenger, der kurz vor Weihnachten von seiner neuen Freundin verlassen worden sein soll, den anderen im Verlauf des Abends offensichtlich den Spaß. Er wurde von den Nachbarn gebeten, die Wohnung zu verlassen. Es kam zum Streit. Zuhause ging der Vater seine Kinder an. Tenor: »Wenn ihr nicht aus dem Fenster springt, schmeiß’ ich euch raus!«

»Vergessen und vergeben«

So nahm kurz nach Mitternacht die Tragödie ihren Lauf. Die beiden Jungs öffneten das Fenster und sprangen tatsächlich nachein­ander auf das steil abfallende Dach. Auf den nassen Pfannen rutschten sie mehr als sechs Meter in die Tiefe.

Der Sechsjährige konnte sich noch wenige Sekunden an der Dachrinne festhalten, dann fiel auch er auf das Pflaster in der Fußgängerzone. Ein Rentner fand die Kinder verletzt am Boden liegend. Wenig später nahm das Amtsgericht den Vater wegen versuchten Totschlags in Untersuchungshaft, aus der er aber im März 2018 entlassen wurde.

Nun also werden die Ereignisse vor Gericht erörtert, wobei Dr. Carsten Ernst hofft, dass den Kindern eine Aussage erspart bleibt. Der Bielefelder Jurist verteidigt den 40-Jährigen. Er sagt: »Ich kann zwar verstehen, dass die Staatsanwaltschaft meinen Mandanten angeklagt hat. Trotzdem ist es bedauerlich, dass es zum Prozess kommt. Dadurch werden alte Narben wieder aufgerissen. Die Situation hat sich komplett beruhigt. Der familiäre Zusammenhalt ist mittlerweile wieder hergestellt. Die Dinge von damals sind vergeben und vergessen. Der Vater hat wieder einen guten Kontakt zu seinen Jungs.«

Mann in Langzeit-Therapie

Nach Angaben des Rechtsanwalts habe der Trockenbauer sein Alkoholproblem in den Griff bekommen. Nach den Vorfällen der Silvesternacht habe er sich selbst in eine Langzeit-Therapie begeben.

Wesentliches wird der Angeklagte wegen seines Vollrausches zur Aufklärung des Sachverhaltes nicht beitragen können. Um der Familie die öffentliche Verhandlung und das zu erwartende große Medieninteresse zu ersparen, wäre aus Sicht von Ernst ein Strafbefehl die »sinnvollere Lösung« gewesen. »Alles andere als eine Bewährungsstrafe kommt ohnehin nicht in Frage.«

Ob das Schöffengericht zu einer ähnlichen Einschätzung kommt, wird die Hauptverhandlung zeigen. Das Gesetz sieht ein Höchststrafmaß von fünf Jahren Freiheitsstrafe vor. Dass die Brüder den Sturz mit relativ leichten Verletzungen überlebten, war wohl ihr Glück.

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