Stadt schlägt wegen Zustands der Bäume Alarm, doch selbst Experten sind ratlos
»Viele Schäden nicht reparabel«

Herford (WB). Mehr Geld für die Bewässerung öffentlicher Flächen, Auflagen bei der Begrünung von Privatgrundstücken, mehr Platz für Bäume beim Neu- und Umbau von Straßen: Weil es dem heimischen Baumbestand immer schlechter geht, will die Stadt jetzt drastisch gegensteuern.

Dienstag, 03.09.2019, 10:11 Uhr aktualisiert: 03.09.2019, 10:30 Uhr
Fichte – hier ein privater Baumbestand am Hellerweg – und Lärche sind bereits in großem Maßstab abgestorben. Dabei ist die Stadt Herford baumarm: Nur etwa 9 Prozent des Gebietes sind bewaldet, NRW-weit sind es immerhin 25 Prozent. Foto: Stadt Herford

Die Ausgangslage ist dramatisch: »Es zeigen sich erhebliche dürre- und windbedingte Auswirkungen auf die städtischen Wälder«, bilanziert Baudezernent Dr. Peter Böhm. Mittlerweile würden auch Bäume auf »vermutlich nahezu optimalen Waldstandorten in großen Dimensionen ›ausfallen‹ bzw. starke Kronenschäden zeigen«. Dies sei ein »Alarmzeichen«, urteilt Böhm in einer umfänglichen Vorlage, die er am 11. September dem Bau- und Umweltausschuss vorstellen wird.

Auch innerstädtische Bäume leiden unter dem Klimawandel, hier ein städtischer Kirschbaumbestand am Kirschengarten.

Auch innerstädtische Bäume leiden unter dem Klimawandel, hier ein städtischer Kirschbaumbestand am Kirschengarten. Foto: Stadt Herford

»Die Schäden werden vielfach nicht reparabel sein. Prognosen gehen von einer erheblichen klimatischen Verschärfung der Situation aus.« Man erwarte, dass die »Jahrtausende funktionierenden Baumarten schon Mitte/Ende des Jahrhunderts nahezu in Gänze nicht mehr funktionieren«. Die Geschwindigkeit des Klimawandels übersteige die Anpassungsfähigkeit heimischer Ökosysteme.

Auch Straßenbäume leiden

Auch die innerstädtische Begrünung leide zunehmend: »Straßenbäume stehen unter einem viel stärkeren Stress.« Verantwortlich dafür seien Baum- und Wurzelverletzungen durch Bautätigkeit, Abgase, Streusalz und natürlich die Hitze. Fichte und Lärche seien bereits in großem Maßstab abgestorben oder würden sich im Laufe des jetzt zu Ende gehenden Sommers verabschieden: »Ursache sind vor allem rindenbrütende Käfer, derer sich die Bäume trockenheitsbedingt nicht erwehren konnten.« Auch auf den ersten Blick von weitem noch grüne Wälder entpuppten sich bei näherem Hinsehen als stark geschädigte Bestände. Und: »Die Folgen der Dürre 2019 werden vermutlich erst 2020 sichtbar sein.«

Viele Buchen zeigten starke Vitalitätseinbußen, unter anderem erkennbar an deutlich lichteren Kronen. Bereits Anfang des Jahres seien große städtische Fichtenbestände im Homberg gefällt worden, nahezu der Rest werde im Laufe des Jahres folgen. »Damit wird auch dort beispielsweise die seltene Waldameise aufgrund des Verlustes ihrer Lebensgrundlagen verschwinden.« Aber auch wirtschaftlich mache sich das Baumsterben bemerkbar: Nach dem kurzfristigen aktuellen Überangebot werde es aufgrund der langen Entwicklungszeit von Bäumen bis zur Einschlagreife mittel- bis langfristig einen deutlichen Nadelholzmangel vor Ort geben.

Pflege wird teurer

Neu hinzugekommen ist jetzt die Rußrindenkrankheit, die mindestens 350 Ahornbäume auf dem Homberg befallen hat. »Es ist jedoch davon auszugehen, dass es nicht bei den zurzeit sichtbar betroffenen Bäumen bleiben wird und viele Bäume, die noch keine Symptome zeigen, folgen werden«, erläutert Böhm. Der die Schäden verursachende Pilz ist auch für Menschen gefährlich.

Andere Pflanzen profitieren – mit Folgen: »Erwartet wird die verstärkte Ausbreitung von Brombeeren, Holunder etc. durch stärkeren Lichtzutritt auf bodennahe Bereiche nach Baumschäden.« Dies verteure die Pflege im Bereich angrenzender Wege und Gärten. Aufgrund der hohen Wachstumsdynamik der Pflanzen sei dies auch wegen ohnehin kaum verfügbaren Personals ein Problem.

Tabuzonen für Leitungen

Doch was gegen das Baumsterben tun? »Selbst die Fachleute konnten sich bislang über keine Strategie einigen.« Der Erhalt der Bäume etwa durch Bewässerung scheitere »aus Gründen der nicht realisierbaren Dimensionen«. Die Anpflanzung neuer Arten sei zu risikoreich: An fremdländischen Gewächsen könnten sich Schaderreger potenziell schnell ausbreiten.

Mit diesen Maßnahmen will die Stadt jetzt gegensteuern: – Ausweisung von Tabuzonen für Leitungen– Schaffung großer Baumpflanzräume beim Neu- und Umbau von Straßen– artenmäßig breiter differenzierteres Nachpflanzen– Erhöhung des Haushaltsansatzes für die Grünflächenbewässerung – konsequente Umsetzung/Kontrolle privater Begrünungsauflagen bei Neubauten. »Einige Bebauungspläne sehen bereits bestimme Gehölzarten vor«, erläutert Böhm. Das stoße allerdings auf geringe Akzeptanz und die Kontrolle sei personalintensiv. Es würden auch Strafzahlungen verhängt. Zudem hatte der Rat vor den Ferien das Aus für Schottergärten bei Neubauten beschlossen.

Kommentare

Diese Diskussion ist geschlossen. Kommentieren ist nicht mehr möglich.
 
https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/6895461?categorypath=%2F2%2F2158585%2F2158590%2F2198384%2F2198393%2F2514620%2F
Ärger mit der NRW-Soforthilfe
Bei der Antragstellung sehr willkommen: der Corona-Soforthilfe-Zuschuss. Jetzt geht es an die Berechnung der Rückzahlung. Foto: dpa
Nachrichten-Ticker