40 Jahre Cap Anamur: neues Buch mit Bildern des Herforder Fotografen Jürgen Escher
»Hingehen, wo die Not am größten ist«

Herford (WB). Ein Junge starrt mit weit aufgerissenen Augen nach oben, er hat Angst vor den Bomben. Drei junge Musikerinnen spielen Flöte – im Hintergrund ein Flüchtlingslager. Dies sind zwei der vielen eindringlichen Bilder, die der Fotograf Jürgen Escher für sein neues Buch ausgewählt hat.

Freitag, 09.08.2019, 03:00 Uhr
Flucht aus dem Sudan Richtung Kenia: Die Migration ist eine der Konsequenzen, wenn in einer Region die Infrastruktur – unter anderem die medizinische Versorgung – zusammenbricht. Foto: Jürgen Escher

Anlass des Bandes »Überleben«, der am 31. August erscheint, ist das 40-jährige Bestehen der Hilfsorganisation Cap Anamur. Seit mittlerweile 34 Jahren begleitet Jürgen Escher von Herford aus die Arbeit des weltweit tätigen Vereins, der nach dem eigenen Selbstverständnis dahingeht, »wo die Not am größten ist«.

Zehn Geschichten aus zehn Ländern

Für das neue Buch mussten zehn Geschichten aus zehn Ländern ausgewählt werden. Wer mit dem 66-Jährigen spricht, erkennt, dass ihm eine solche Auswahl nicht leicht fallen kann – denn sie bedeutet auch, dass vieles unberücksichtigt bleiben muss. Und auch wenn es sich pathetisch anhören mag: Jürgen Escher bewahrt die Menschen, die er fotografiert hat, in seinem Herzen. Zu jedem der Fotos kennt er eine damit verbundene Geschichte – so wie die der Frau aus Nepal, die auf den Trümmern ihres vom Erdbeben zerstörten Hauses sitzt. Unter anderem mit Grundnahrungsmitteln versorgten die Mitarbeiter von Cap Anamur die Bevölkerung.

40 Jahre Cap Anamur

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Foto: Jürgen Escher
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Zu den Ländern, die besonders in Erinnerung geblieben sind, zählt für Jürgen Escher Nordkorea: »Sicher auch, weil man da nicht so einfach reinkommt.« Erhält Cap Anamur trotzdem eine Genehmigung, bedeutet dies für die Diktatur das Eingeständnis, dass sie die Probleme nicht in den Griff bekommt. Auf dem Lande herrsche brüllende Armut, sagt Jürgen Escher über seine Eindrücke von Nordkorea. Das Bild eines mangelernährten Kindes offenbart die Versorgungskatastrophe. Und als Kontrast dazu eine Aufnahme, die Kinder beim Sportmachen zeigt. Die Arme nach oben erhoben, proben sie den Jubel, den sich Diktatoren wünschen.

Ein anderes Land, in dem Jürgen Escher schon mehrfach war, ist der Sudan – die Region um die Nuba-Berge, die um ihre Unabhängigkeit kämpft. Cap Anamur stelle sich hier politisch nicht auf irgendeine Seite, betont der Fotograf. Aber es sei nun einmal Fakt: »Wenn Krieg ist, fliehen die Menschen. Und damit bricht die Infrastruktur, zum Beispiel die medizinische Versorgung, zusammen.«

Einverständnis der Fotografierten ist wichtig

Auf einem Foto hat Escher eine Familie festgehalten, die sich auf den Weg in Richtung Kenia macht. Ein anderes Foto zeigt Frauen, die von der Jagd auf Heuschrecken zurückkehren. Mit einer klebrigen Substanz an langen Stöcken werden die Heuschrecken gefangen. Mit ihrem betont aufrechten Gang drücken die Frauen Stolz aus – trotz aller Armut. Diesen Stolz festzuhalten, sei ihm wichtig, sagt Jürgen Escher. Es gehe nicht nur um das Leid, sondern auch um den Respekt vor den Menschen, ihrer Kultur.

Daher ist es für ihn wichtig, dass er das Einverständnis der Fotografierten hat. Die Menschen sollen nicht als bloße Opfer kategorisiert werden, gleichwohl haben seine Fotos seiner Einschätzung nach eine wichtige Funktion – in Ergänzung zur Arbeit der Helfer von Cap Anamur. Denn die Bilder dienten der Öffentlichkeitsarbeit: »Diese ist wichtig, wenn es um Spenden geht.« Denn die Projekte und Aktionen von Cap Anamur finanzieren sich ausschließlich durch private Spenden.

Buch und Ausstellung

40 Jahre Hilfsorganisation Cap Anamur: Geschichten und Fotografien aus zehn Ländern enthält das am 31. August erscheinende Buch »Überleben« (224 Seiten, 29,90 Euro). Veröffentlicht wird es in der »Edition Bildperlen«.

Zu jedem Kapitel mit zahlreichen Fotos gibt es einen informativen Textbeitrag. In Herford wird Jürgen Escher das Buch am Mittwoch, 18. September, ab 19.30 Uhr im Elsbachhaus vorstellen. Ferner gibt es in Bielefeld – Kommunale Galerie, Kavalleriestraße 17 – zu dem Fotobuch eine Ausstellung. Sie wird am 9. Oktober um 18 Uhr eröffnet.

Ein Kommentar von Hartmut Horstmann

Seit 34 Jahren begleitet Jürgen Escher die Arbeit der Hilfsorganisation Cap Anamur. Wer seine Bilder sieht, bemerkt sofort den großen Respekt, den er den Menschen entgegenbringt. Sicher ließe sich manche Katastrophe blutiger und reißerischer in Szene setzen, aber es würde nicht zum Berufs- und Menschenverständnis des 66-Jährigen passen.

»Viele Probleme, die wir haben, relativieren sich bei der Not in anderen Ländern«, sagt Escher. So helfen seine Fotos nicht nur, die eigene Wohlstandsperspektive in Frage zu stellen, sondern sie animieren auch, etwas von diesem Wohlstand abzugeben. Denn die Arbeit von Cap Anamur ist auf Spenden angewiesen. Und in diesen migrationsbewegten Zeiten ist das Engagement umso wichtiger.

 

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