Matthias Storck aus Herford will anderen damit Mut machen
Pfarrer macht seine Depression im Gemeindebrief öffentlich

Herford (WB). Mit einer Depression offensiv umzugehen, vor allem als öffentliche Person, ist eine schwere Entscheidung. Pfarrer Matthias Storck (62) aus Herford hat sie getroffen. Im Gemeindebrief spricht er von seiner kranken Seele und kündigt seinen Rücktritt an.

Freitag, 05.07.2019, 03:01 Uhr aktualisiert: 05.07.2019, 03:50 Uhr
Ganz oder gar nicht – so sah Pfarrer Matthias Storck aus Herford seine seelsorgerische Arbeit in der Gemeinde. Das hat ihn so viel Kraft gekostet, dass er krank wurde. Mit seiner Depression geht er nun an die Öffentlichkeit, um anderen Menschen Mut zu machen.

Es ist kein Job wie jeder andere: Pfarrer ist man rund um die Uhr. Morgens die Beerdigung, mittags die Trauung, nachmittags Besuch im Altenheim, abends Gespräche mit dem Presbyterium. Jeden Sonntag von der Kanzel predigen, stets tröstende, motivierende Worte finden. »Ich wollte allen Menschen meiner Gemeinde gerecht werden. Für mich gilt: entweder ganz oder ganz nicht«, sagt Matthias Storck. Doch so ein Engagement zerrt an den Kräften – und irgendwann waren sie für den Pfarrer am Ende. »Ende letzten Jahres hat mich völlig unerwartet eine Mattigkeit erfasst, die mich gegen meinen Willen körperlich und seelisch ausbremst«, schreibt Storck an seine Gemeinde. Die Ärzte hätten eine Depression diagnostiziert, die auch körperliche Beschwerden gezeigt habe. Deshalb zieht der Seelsorger der Herforder Mariengemeinde nun die Notbremse: »Der Verlauf meiner Krankheit ist nach ärztlicher Auskunft nicht absehbar«, so Storck. Er aber wolle der Gemeinde eine verlässliche seelsorgerische und geistliche Betreuung bieten. Diese Aufgabe könne er selbst nicht mehr bewältigen.

Der Theologe ist deutschlandweit bekannt geworden, weil er über seine Freundschaft zu Alt-Bundespräsident Joachim Gauck und zu Liedermacher Wolf Biermann in vielen Gesprächsrunden berichtet hat. Mit der für ihn hohen Belastung als Gemeindepfarrer ist er schon vor geraumer Zeit in einem Interview in der ARD an die Öffentlichkeit gegangen. Unter dem Titel »Bevor es mich zerreißt – Pastoren am Limit« ist der Beitrag in der Mediathek zu sehen. Darin kommt er auch auf seine 14-monatige Haftzeit als politischer Gefangener in der DDR zu sprechen. Das hätte ihm, so sagt er, nicht soviel ausgemacht wie die große Arbeitsüberlastung als Pfarrer. Weil seine Tochter, eine Ärztin, die Erschöpfung erkannt habe, sei er 2017 für sechs Wochen ins Kloster Barsinghausen gegangen. »Es ist eine Einrichtung der Kirche, in der Seelsorger Ruhe finden können«, erklärt Michael Krause, Superintendent des Kirchenkreises Herford. Auch er zeigt sich bewegt über die Entscheidung Storcks, die Pfarrstelle freizugeben. Der Beruf sei eine große Belastung, »vor allem, wenn man die Aufgabe mit dieser Leidenschaft und intensiven Begleitung der Gemeindemitglieder macht«.

»Ich bin an eine Grenze gekommen, an der es nun nicht mehr geht«, sagt Storck. Und so lange er krank geschrieben sei, sei die Pfarrstelle weiterhin mit ihm besetzt, aber dennoch vakant. Das wolle er ändern. Mit seinem Schritt, die Krankheit öffentlich zu benennen, wolle er anderen Menschen Mut machen, sich das ebenfalls zu trauen. Von seiner Gemeinde habe es viele Zuwendungen gegeben: »Ich habe so liebevolle Briefe bekommen. Man hat mir Blumen und Obstkörbe vor die Tür gestellt – das hat mich sehr bewegt.«

Ein Kommentar von Bärbel Hillebrenner

Er ist Pfarrer, DDR-Dissident, Autor, Ehemann, Vater von drei erwachsenen Kindern – und er ist ein Mensch. Bei all den Funktionen, die man im Leben einnimmt, wird genau das oft vergessen. Da kann es schnell passieren, dass man sich sogar selbst vergisst. Denn wieviel kann ein Mensch verkraften, bevor die Seele krank wird? Der eine mehr, der andere weniger. Die Reißleine zu ziehen, nicht mehr fremd-, sondern selbstbestimmt weiterleben zu wollen, ist da die richtige Entscheidung – sie sogar öffentlich zu machen, ein sehr mutiger Schritt. Mit Krankheit, mit Schwächen offen umzugehen, schaffen viele Menschen nicht. Denn in unserer schnelllebigen Gesellschaft zählen Leistung und Stärke. Sich dagegen zu stellen, verdient den größten Respekt!

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