23-Jähriger angeklagt – Herforder Anwalt verteidigt jungen Mann
Fall Lügde: vom Opfer zum Täter?

Herford/Detmold (WB). Er gehört zu den Opfern und Nebenklägern des hundertfachen Missbrauchskandals von Lügde – und könnte in Kürze selbst auf der Anklagebank sitzen. Die Staatsanwaltschaft Detmold hat einen 23-Jährigen aus dem Kreis Lippe wegen schweren sexuellen Missbrauchs angeklagt. Vom Opfer zum Täter?

Mittwoch, 03.07.2019, 04:04 Uhr aktualisiert: 03.07.2019, 04:10 Uhr
Der Herforder Anwalt Christian Thüner verteidigt den 23-Jährigen, der selbst Opfer sexuellen Missbrauchs wurde. Foto: Moritz Winde

Der Herforder Strafverteidiger Christian Thüner vertritt den jungen Mann in beiden Fällen. Er stellt klar: »Es handelt sich hier nicht um ein viertes Lügde-Verfahren. Er war nicht in das perfide System eingebunden, mit dem die Hauptangeklagten die Kinder abhängig gemacht, missbraucht und vergewaltigt haben.«

Und doch hängen die vermeintlichen Verbrechen miteinander zusammen. »Ohne die Vorkommnisse in Lügde würde es die Anschuldigungen gegen ihn sicher nicht geben«, sagt der 54-jährige Anwalt.

Konkret wirft die Staatsanwaltschaft Detmold dem 23-Jährigen vor, sich im Jahr 2012 an einem Kind unter 14 Jahren vergangen zu haben. Er soll als damals 16-Jähriger sexuelle Handlungen an dem Jungen vorgenommen und ihn dazu gebracht haben, sexuelle Handlungen an sich vornehmen zu lassen.

Verteidiger kritisiert Anklage

Der Junge selbst soll ebenfalls zu den Opfern im Lügde-Fall gehören. Ob der Jugendliche aus freien Stücken handelte oder von einem Erwachsenen unter Druck gesetzt wurde, ist unklar.

Nach Informationen dieser Zeitung soll er lange Zeit sehr engen Kontakt zu einem der beiden Hauptangeklagten gehabt haben und mehrfach bei diesem übernachtet haben. In den Jahren 2005/2006 und 2009/2010 soll er dann wiederholt vergewaltigt worden sein. Als das Martyrium begann, soll er gerade einmal neun Jahre alt gewesen sein.

Weil Mario S. und Andreas V. umfangreiche Geständnisse abgelegt und den hundertfachen Missbrauch zugegeben haben und weil die Verhandlung gestrafft werden soll, bleibt dem 23-Jährigen eine Aussage als Zeuge vor dem Landgericht Detmold erspart.

Am Montag kam die Abladung. »Er hätte auf mein Anraten ohnehin von seinem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch gemacht. Da gegen ihn selbst ermittelt wird, kann er sich auch darauf berufen«, sagt Verteidiger Christian Thüner.

Die Anklage liegt derzeit beim Detmolder Jugendschöffengericht. Die Justiz muss nun darüber entscheiden, ob sie dem 23-Jährigen den Prozess macht. Christian Thüner: »Ich würde dies für völlig falsch halten aufgrund der Umstände, die zu diesen Vorwürfen geführt haben.«

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