Erstmals flächendeckende Zählung im Kreis – Pflanzaktion geplant – Stiftungen sagen Hilfe zu
Streuobstwiesen werden zur Rarität

Herford (WB). Sie sind landschaftliche Kleinode, wichtiger Lebensraum für Kleintiere und Insekten, Produktionsort gesunder Lebensmittel – und werden immer seltener. Um Streuobstwiesen im Kreis Herford ist es nicht gut bestellt. Experten haben sie erstmals flächendeckend kartiert. Ab Herbst sollen nun viele neue Bäume gepflanzt werden.

Mittwoch, 03.07.2019, 15:00 Uhr

»Grob geschätzt sind in den vergangenen 20 Jahren mindestens 30 Prozent der Bäume auf diesen Flächen verschwunden«, sagt Klaus Nottmeyer, Leiter der Biologischen Station Ravensberg in Kirchlengern. Die alte rot-grüne Landesregierung habe deshalb bestimmte Flächen unter besonderen Schutz stellen wollen. Das sei allerdings umstritten, insbesondere in der Landwirtschaft. Ein Kompromiss sieht nun vor, dass anhand einer Bestandsanalyse die weitere Entwicklung verfolgt wird. Bei einem Rückgang der Baumzahl um mehr als 5 Prozent solle ein besonderer Schutz (Besonders Geschützte Biotope) gesetzlich möglich sein. Abholzungen sind dann nur noch auf Antrag möglich.

Studenten bereisen den Kreis

Um den notwendigen Status Quo als Ausgangspunkt zu ermitteln, hatten im vergangenen Jahr Liam Dederke und Liane Lücking den Kreis bereist. 2.500 Kilometer legten die beiden Höxteraner Studenten der Landschaftsarchitektur mit einem Dienst-PKW der Biologischen Station zurück. Sie hatten dort in der zweiten Jahreshälfte 2018 ihr Praxissemester absolviert.

Die Grafik zeigt die Dichte der Streuobstwiesen im Kreis. Wo es rot ist, gibt es überdurchschnittlich viele, wo es grün ist nur wenige.

Die Grafik zeigt die Dichte der Streuobstwiesen im Kreis. Wo es rot ist, gibt es überdurchschnittlich viele, wo es grün ist nur wenige. Foto: Biologische Station Ravensberg

Weitere Daten kamen von den ehrenamtlichen Helferinnen Anna Brennemann (Spenge), Doris Meyer (Löhne), Annegret Plohr (Herford) sowie den Praktikantinnen Laura Stangier, Leandra Wiemann (Kirchlengern) und Caro Mundinger (Bünde). Das Landesumweltamt hatte im Vorfeld »Verdachtsflächen« vorgegeben, die durch eine Auswertung von Luftbildern und Laserscandaten ermittelt worden waren. Sie wurden überprüft und vor Ort durch eigene Beobachtungen ergänzt.

Das Ergebnis: Die Experten zählten kreisweit 696 Obstwiesen, von denen allerdings 406 Flächen nach Definition des Landesumweltamtes für eine Kartierung zu klein waren. Denn eigentlich sollten nur Flächen von mehr als 1500 Quadratmetern oder mindestens neun Obstbäumen dokumentiert werden. »Letztlich erfüllten nur 45 Wiesen, also nur 6 Prozent des gesamten kartierten Bestands, die Kriterien für eine besondere Unterschutzstellung«, bilanziert Nottmeyer.

Schwerpunkte in Herford und Vlotho

Mehr als drei Viertel dieser Flächen liegen in Herford und Vlotho. Ein »besonders geschütztes Biotop« ist gesetzlich genau definiert. Hierzu werden Obstbestände mit mindestens neun Bäumen und einer Mindestgröße von 2.500 Quadratmetern gezählt. Bäume, die näher als 50 Meter an Wohn- oder Hofgebäuden stehen, werden nicht einbezogen.

Kreisweit wurden 12.526 Bäume erfasst: 12.026 Obstbäume und 500 Walnussbäume. Besonders viele Streuobstbestände gibt es im Norden Herfords und in Vlotho. »Das ist auf die Lage im Lipper Bergland zurückzuführen. Die Bebauung nimmt in dieser Region ab«, erklärt Nottmeyer. Ein dritter Schwerpunkt ist Spenge. Die Gründe sind nicht ganz klar, »aber hier ist es wesentlich ländlicher als andernorts«.

Jeder zweite Baum trägt Äpfel

Ältere Bestände (mehr als 50 Jahre) kommen im Kreis Herford selten vor. Ein Grund dafür könnte die Prämie zur Abholzung von Streuobstbeständen in den 1960er und 1970er Jahren sein. »Dabei sind gerade die alten Bäume ökologisch wichtig.« Sie trügen vielleicht nicht mehr so viel Obst, seien aber als Lebensraum für Tiere von umso größerer Bedeutung. »Die Altersstruktur der Obstbestände im Kreis Herford zeigen derzeit aber keine drohende Gefahr zur Vergreisung des Gesamtbestandes«, heißt es in einem 18-seitigen Bericht der Biologischen Station.

Jeder zweite Baum auf einer Streuobstwiese im Kreis Herford trägt Äpfel. Kirsche, Pflaume und Birne folgen mit weitem Abstand. In seltenen Fällen können sogar Mispeln, Pfirsiche oder Quitten geerntet werden.

Eine Streuobstwiese unterscheidet sich von einer herkömmlichen Obstbaumfläche, etwa auf einer Plantage, nicht nur durch den hochstämmigen Wuchs, sondern auch die sogenannte Unternutzung: also die Nutzung der Fläche unter den Obstbäumen. Im Kreis Herford ist es meistens einfach eine Wiese (68 Prozent), häufiger (27 Prozent) aber auch Weideland.

Viel Obst wird gar nicht mehr gepflückt

Problematisch: Bei einem Großteil der Bestände wird das Obst gar nicht genutzt. »Viele Besitzer sind nicht mehr in der Lage, die Ernte zu verwerten«, moniert Nottmeyer. Bei der jüngeren Generation fehlten oft Wertschätzung und Fachwissen, um die Bestände weiter zu erhalten.

Deshalb hat sich die Biologische Station jetzt zweierlei vorgenommen: »Wir wollen Pflückaktionen organisieren, damit das Obst nicht verkommt.« Zudem sollen ab Herbst hunderte neuer Obstbäume gepflanzt werden. »Wir haben bereits die Zusage heimischer Stiftungen, die uns unterstützen.« Zudem müssten für die private Nutzung neue Anreize geschaffen und Weiterbildungen angeboten werden. Baumpatenschaften oder Schulprojekte seien ebenfalls denkbar.

Die Bestandsaufnahme wird Nottmeyer morgen, Donnerstag, im Naturschutzbeirat des Kreises vorstellen (15 Uhr, Kreishaus).

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