Warum Parteichef Robert Habeck derzeit nicht viel falsch macht – mit Video
Grüner Prediger

Herford (WB). Parteichef Robert Habeck (49) ist derzeit so etwas wie der Heilsbringer der Grünen. Warum eigentlich? Ein Ortstermin.

Mittwoch, 01.05.2019, 20:18 Uhr aktualisiert: 02.05.2019, 16:20 Uhr
Grünenchef Robert Habeck spricht im Kirchsaal des Herforder Lutherhauses. Hinter ihm: ein buntes Kirchfenster mit religiösen Motiven. Dabei ist Schleswig-Holsteins ehemaliger Landwirtschaftsminister Doktor der Philosophie. Foto: Jan Gruhn

Den Tisch schiebt Robert Habeck gleich zu Beginn zur Seite. Er steht lieber, wird sich in den kommenden 90 Minuten nicht hinsetzen. Eigentlich sollte er hier im Herforder Lutherhaus aus seinen Büchern lesen. »Als wir ihn vor etwa einem Jahr angefragt haben, wollten wir über Umwelt- und Artenschutz sprechen«, erklärt Herbert Willms, Mitveranstalter aus den Reihen der Kirchengemeinde Herford-Mitte. Doch jetzt steht da ein Mann, der seine Partei zusammen mit seiner Co-Chefin Annalena ­Baerbock laut jüngsten Umfragen bei Werten um die 20 Prozent hält – und damit knapp vor der SPD. »So voll war der Saal noch nie«, sagt Willms. 340 Karten wurden im Vorfeld vergeben, sie waren ruckzuck weg. Dem Vernehmen nach soll es sogar missgelaunte Anrufe von Mitgliedern des örtlichen Grünen-Vorstands gegeben haben, weil sie keine Karten mehr bekommen hätten.

Habeck kommt an, weil er sich ein wenig als Gegenstrom-Politiker inszeniert. In Jeans und Stiefeln ist er nach Herford gekommen. Hier erzählt er auch noch mal, wie und warum er sich von Facebook und Twitter verabschiedet hat. Er sagt Sätze wie: »Seit zehn Jahren bin ich hauptberuflich in der Politik. Davor habe ich etwas Vernünftiges gemacht. Ich war Schriftsteller.« Wohlwollendes Lachen, Applaus. Habeck ist ein Polit-Popstar. Ein kürzlich veröffentlichtes Interview mit der »Bild am Sonntag« wirkt wie der vorläufige Höhepunkt einer gelungenen Selbstvermarktung: Habeck darf über seine pflegeleichte Frisur sprechen – und verrät, bei welchen Filmen er heulen muss.

An diesem Abend ist Sprache sein Thema. Wie Sprache den politischen Diskurs formt. »Man muss sich eingestehen, dass die Sprache des Populismus in der politischen Ökonomie erfolgreich ist«, sagt Habeck wenige Minuten vor einem Auftritt in einer kurzen Presserunde. Er wolle es aber lieber mit einer »positiven Leidenschaft« versuchen. Lieber einladend sprechen statt auszugrenzen. Habecks Beispiel: Unter Baerbocks und seiner Regie sei die Formulierung »Wir Grüne« aus dem Grundsatzprogramm gestrichen. Habeck will seine Partei – einst eher elitäres Klübchen für Besserverdiener – offener machen. Über die Dynamik zwischen den Realos und Fundis, innerparteiliche Kampfbegriffe aus den 80er und 90er Jahren, sagt Habeck: »Die Flügel sind nicht mehr so wichtig.« Und: »Wir haben ein paar der alten Grünen-Fehler abgestellt.«

Es ist warm geworden im Kirchsaal des Lutherhauses. Habeck hat das Sakko ausgezogen und die Ärmel seines blauen Hemdes hochgekrempelt. Er steht auf der obersten von drei Stufen, die Spitzen seiner Stiefel ragen über die Kante hinaus. Habeck wirkt, als würde er gerne noch ein Stück vorwärts gehen. Später wird ein Zuschauer, der Habeck um ein gemeinsames Foto bittet, sagen: »Er wird neuer Vizekanzler.« Überhaupt muss Habeck vor und nach seinem Auftritt viele Selfie-Wünsche erfüllen. Sogar der Herforder Landrat Jürgen Müller (59, SPD) drückt dem Grünenchef sein Smartphone in die Hand. Worüber Habeck an diesem Abend nicht spricht: Inhalte. Für Empörung hat zum Beispiel seine Äußerung zum Thema Enteignung von Wohnungsunternehmen gesorgt – »notfalls« denkbar, fand Habeck. Das hat besonders in den Unionsparteien quasi-allergische Reaktionen ausgelöst.

Doch bislang geht die Strategie des in Lübeck geborenen, ehemaligen Landwirtschaftsministers in Schleswig-Holstein auf. Auf der Liste der beliebtesten Politiker findet er sich regelmäßig in den Top Fünf. Ob er im Moment überhaupt etwas falsch machen könne? »Wir stehen natürlich unter anderer Beobachtung«, sagt Habeck im Vorfeld der Veranstaltung über die grüne Doppelspitze. »Jeder Halbsatz ist auf einmal bedeutsam.« Doch nach seinem Abschiedsapplaus in Herford muss Habeck erst mal nicht viel reden – sondern für diverse Selfies brav grinsen. Popstars tun oft gut daran, erst mal nur die Optik sprechen zu lassen.

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