Stellen im Kreis Herford wollen enger kooperieren
Nach Lügde: Behörden erhalten mehr Hinweise

Herford (WB). »Es gibt eine Zeit vor Lügde und eine Zeit danach«, sagt Jugendamtsleiter Andreas Spilker. Nach dem mutmaßlich tausendfachen Missbrauch von Kindern auf einem Campingplatz im Lipperland hat die Stadt Herford reagiert. Alle bestehenden 70 Pflegeverhältnisse seien überprüft worden. Zudem soll die Zusammenarbeit zwischen den beteiligten Behörden verbessert werden.

Mittwoch, 01.05.2019, 06:06 Uhr aktualisiert: 01.05.2019, 09:28 Uhr
Laut Kriminalstatistik wurden im vergangenen Jahr NRW-weit 2422 Fälle von Kindesmissbrauch angezeigt. Das sind 3,6 Prozent mehr als 2017. Diese Fälle betreffen 2640 Opfer, davon sind 2048 Mädchen. 2018 wurden im Kreis Herford 31 Fälle von Kindesmissbrauch angezeigt – ein Plus von 29 Prozent. Bei Kinderpornographie waren es zwölf Fälle – eine Steigerung um 200 Prozent. Foto: Moritz Winde

Unterdessen gibt es vermehrt Meldungen über Kindeswohlgefährdungen – und zwar sowohl von Bürgern als auch von Fachpersonal. 2019 sind nach Angaben der Verwaltung bereits 74 Hinweise eingegangen und damit fast so viele wie im gesamten Jahr 2017. Damals waren es insgesamt 90. Um die gestiegene Arbeitsbelastung schultern zu können, sollen Aufgaben neu verteilt werden.

Schon im vergangenen Jahr war die Zahl der so genannten Kiwo-Meldungen mit 168 überdurchschnittlich hoch. Elf Mädchen und Jungen mussten wegen einer akuten Bedrohungssituation aus den Familien herausgeholt und in Obhut genommen werden. Andreas Spilker: »Sicher sind die Leute bei diesem Thema sensibler geworden. Und das ist auch gut so. Wir sind auf die Mithilfe der Bevölkerung angewiesen.«

Nach Angaben der Staatsanwaltschaft Detmold besteht der Verdacht auf 1000 Einzeltaten innerhalb von etwa zehn Jahren. Männer sollen auf einem Campingplatz Kinder gefilmt und missbraucht haben.

Zu den Opfern zählte auch das Mädchen, das im Jahr 2016 als Pflegekind in die Obhut des Hauptverdächtigen kam. Im Laufe der Ermittlungen ergaben sich Hinweise auf schwere Versäumnisse im Vorgehen von Polizei, Jugendämtern und Familienhilfe-Organisationen, was zur Einleitung von Ermittlungsverfahren gegen insgesamt 14 Beschuldigte führte.

Kooperation zwischen Behörden derzeit nicht geregelt

Herfords Jugendamtsleiter Spilker sagt, er habe sich die Dimension dieser Verbrechen nicht vorstellen können. »Ich mache diesen Job jetzt seit 30 Jahren. Aber so etwas sprengt jede Vorstellungskraft. Lügde ist für alle neu.« Das Schreckliche, das nun Realität geworden sei, wolle die Gesellschaft manchmal nicht wahrhaben. »Der Fall zeigt aber: Es passiert. Daher ist es umso wichtiger, bei Schutzbedürftigen genau hinzusehen.«

Hätte Lügde auch in Herford passieren können? Natürlich habe man sich diese Frage gestellt, sagt Birgit Froese-Kindermann, Chefin des Dezernats für Bildung, Jugend und Soziales: »Die Häufung der Fehler aber ist schon merkwürdig. Ob ich die Hinweise richtig bewertet hätte, weiß ich nicht. Daher brauchen wir einheitliche Verfahrensschritte vom Gesetzgeber. Derzeit ist die Kooperation zwischen den Behörden nicht geregelt.«

Im Umkehrschluss heißt dies: Erhält zum Beispiel die Polizei einen Tipp, ein Kind sei eventuell in Gefahr, muss das zuständige Jugendamt nicht zwangsläufig davon erfahren. »Oft ergeben aber erst mehrere Hinweise, die für sich genommen vielleicht nicht so dramatisch sind, ein klares Bild«, sagt Birgit Froese-Kindermann.

Unter der Federführung des Kreises Herford soll zeitnah eine Arbeitsgruppe erörtern, wie Jugendamt, Kriminalpolizei, Staatsanwaltschaft, Frauenberatungsstellen und weitere Behörden enger verzahnt werden können – Stichwort: kurze Wege. »Es soll nicht jeder sein eigenes Süppchen kochen. Wir wollen gegenseitig die Abläufe kennen«, sagt Norbert Burmann, Sozialdezernent beim Kreis Herford.

Im Jugendamt gilt das Vier-Augen-Prinzip

Andreas Spilker sagt, Lügde habe in seiner Abteilung für tiefe Betroffenheit gesorgt. Gleichzeitig sei es Antrieb gewesen, alles »auf links« zu ziehen. »Wir haben uns jede Akte über bestehende Pflegeverhältnisse noch einmal genau angeschaut. Haben wir etwas übersehen? Dem war nicht so. Wir waren vorher schon kritisch. Jetzt sind wir noch kritischer.«

Der Jugendamtsleiter betont, dass sowieso alle Abläufe hinsichtlich Kiwo-Meldungen und insbesondere derer bei sexuellem Missbrauch einer ständigen Qualitätskontrolle unterliegen – unabhängig von den Vorkommnissen in Lügde. Damit Akten nicht manipuliert werden können – dieser Verdacht steht im Raum – gelte das Vier-Augen-Prinzip.

Ist ein Kind Opfer sexualisierter Gewalt geworden? Das zu erkennen, sei nicht einfach. »Es gibt kein Schema F, wohl aber gewisse Indikatoren. Schweigt das Kind plötzlich, zieht es sich zurück, können dies Anzeichen für einen Missbrauch sein. Es kann aber auch andere Gründe für ein solches Verhalten geben, zum Beispiel den Tod der Oma. Wir müssen daher auch immer das familiäre Umfeld durchleuchten«, erklärt Andreas Spilker.

Zu welchem Ergebnis die Fachleute auch kommen: Es bleibt eine Gratwanderung – oder wie Norbert Burmann es sagt: »Wir können es nur falsch machen: Wenn wir zu früh agieren und wenn wir zu spät agieren erst recht. Wir müssen uns genau überlegen, ob wir tätig werden. Immerhin ist es ein enormer Eingriff in die Persönlichkeitsrechte. Wir können ganze Familien kaputt machen, aber eben auch Kinder retten. Und das ist unser oberstes Ziel.«

»Mit Herz und Kompetenz« lautet das Leitbild von Sozialdezernentin Birgit Froese-Kindermann und Jugendamtschef Andreas Spilker.

»Mit Herz und Kompetenz« lautet das Leitbild von Sozialdezernentin Birgit Froese-Kindermann und Jugendamtschef Andreas Spilker. Foto: Moritz Winde

Interview mit Sexualmedizinerin

Nicole Talbot

Nicole Talbot

Nicht erst seit dem mutmaßlich tausendfachen Kindesmissbrauch von Lügde ist die Verunsicherung bei Eltern groß. Nicole Talbot ist Fachärztin für Gynäkologie und Geburtshilfe sowie Kinder- und Jugendgynäkologie. Mit der Herforder Sexualmedizinerin hat Redakteur Moritz Winde gesprochen.

Wie können Eltern erkennen, ob ihr Kind sexuell missbraucht wird?

Nicole Talbot: Das, was in Lügde passiert ist, ist unfassbar. Die Schwierigkeit, vor der wir stehen, wird allerdings deutlich, wenn wir uns klarmachen, dass die meisten Missbrauchsfälle im engen vertrauten Umfeld geschehen. Das bedeutet dann ja, dass derjenige, der dem Kind gegenüber übergriffig wird, aus dem Umfeld oder gar aus der eigenen Familie kommt. Das ist nicht nur für die Eltern oft unvorstellbar und auch mit Scham und Verdrängung besetzt, sondern auch für das missbrauchte Kind. Es bedarf schon eines unfassbaren Mutes, um sich gegen diese Strukturen zu wehren, während das Kind selbst ja als Abhängiger in diesen Strukturen lebt.

 

Kann man Kinder schützen?

Talbot: Ja. Ein wichtiger Schritt, um sexuellen Missbrauch einzudämmen, ist die Stärkung des Kindes. Dazu gibt es das pädagogische Programm »Mein Körper gehört mir«, das in den Schulen durchgängig Anwendung findet und die Sensibilisierung für dieses Thema vorantreibt. Der Hintergrund ist, dass Kinder gestärkt werden, um Grenzen zu setzen und sich zu wehren. Ich erlebe es tatsächlich, dass Frauen, die dieses Schicksal eines Missbrauches erleiden mussten, ganz anders darüber reden und weniger traumatisiert sind, wenn sie sich gewehrt haben und Grenzen setzen konnten, so dass der Täter von ihnen abließ.

 

Was sollten Eltern tun, wenn sie einen Verdacht haben?

Talbot: Wenn ein Kind so einen Vorfall äußert, dann ist es sinnvoll, es ernst zu nehmen. Zuhören. Ein Gesprächsangebot machen, um das verlorene Vertrauen wiederzugewinnen. Es gibt hier zwei Situationen: einmal die akute Missbrauchssituation, bei der sich der Verdacht durch äußere Verletzungen aufdrängt – zum Beispiel blaue Flecken. Dann ist es sinnvoll, die Polizei aufzusuchen und eine Untersuchung mit Sicherung von genetischem Material und Dokumentation von Verletzungsmustern durchzuführen.

 

Wie läuft eine solche Untersuchung ab?

Talbot: Die Untersuchungssituation ist bei Kindern anders als bei Erwachsenen. Es wird ein kindgerechtes Setting geschaffen, in dem beispielsweise zunächst eine Handpuppe auf dem gynäkologischen Stuhl sitzt und redet und lacht und auch bei der »Untersuchung« keine Angst zeigt.

 

Und die zweite Situation?

Talbot: Sie ist ein chronischer über Jahre andauernder Missbrauch, bei dem oft keine akuten Verletzungen vorliegen. Da bedarf es oftmals großer Geduld, bevor sich die Kinder überhaupt öffnen. Immer wieder passiert es mir in der Sprechstunde, dass Frauen mittleren Alters oder auch ältere Frauen mir von ihren Missbrauchserfahrungen in der Kindheit erzählen. Über Jahrzehnte war das Unaussprechliche weit abgespalten und sicher in Schubladen des Unterbewusstseins verstaut, bis die Wahrheit sich Bahn bricht. Oft reicht dann diese Entlastung des »Drüber Redens« bereits und die Frauen können ihr Leid zurücklassen.

 

Welche Rolle spielt das Internet bei solchen Taten?

Talbot: Auch hier ist die Lage eine schwierige, denn als Eltern haben wir alle das Anliegen, unsere Brut, komme was wolle, zu schützen. Allerdings fehlen uns oft für das Internet die nötigen Skills, und unsere Kinder sind fixer mit diesem Medium, als wir es uns wünschen – mit allen Gefahren, die da lauern. Ich halte Aufklärung und Reden für notwendig und wichtig. Ich betrachte das wie Verkehrserziehung. Ich erkläre Autos, Straßen, Fahrradfahren, Ampeln und warne, denn nicht immer werde ich auf der Straße dabei sein können. Aber wenn sich das Kind im Straßenverkehr im richtigen Moment meiner Worte erinnert, dann ist schon viel gewonnen.

 

Reicht es, auf der Kinderseite präventiv zu arbeiten?

Talbot: Prävention auf der Kinderseite ist nur ein Aspekt. Die betroffenen Pädophilen brauchen auch die Möglichkeit einer Prävention und eines offenen Ohres, damit sie nicht zu Tätern werden. In diesem Rahmen ist die Präventionsplattform www.kein-taeter-werden.de entstanden. Anonym und der Schweigepflicht unterliegend können sich hier potenzielle Täter Hilfe suchen.

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