Trinker-Treff: Ausschuss-Mehrheit für Fortsetzung der Caritas-Einsätze – CDU dagegen
Mit Sozialarbeit in die Verlängerung

Herford (WB). Die Caritas soll sich weiter um die Teilnehmer des so genannten Trinker-Treffs in der Innenstadt kümmern: Für eine Fortsetzung von Streetwork und Sozialarbeit im laufenden Jahr hat sich der Sozialausschuss gegen die Stimmen der CDU ausgesprochen.

Mittwoch, 06.02.2019, 22:30 Uhr aktualisiert: 06.02.2019, 22:40 Uhr
Warme Worte und eine warme Mahlzeit: Sozialarbeiterin Sabine Berg hört sich die Sorgen von Manucher Putzig an. Der 34-Jährige bezeichnet sich als Sprecher der Szene. Er sagt: »Die Arbeit der Caritas ist für uns enorm wichtig.« Foto: Moritz Winde

Damit folgte er einem Antrag der Grünen. Zudem sollen in Workshops Anforderungen und Zielsetzungen der Teilnehmer der »Treffs im öffentlichen Raum« präzisiert werden. »Wir wollen dafür sorgen, dass dieser Gruppe von Menschen, die Probleme haben und machen, auch 2019 geholfen werden kann«, betonte Johannes Ridderbusch (Grüne). Die Räumlichkeiten, die den Treff-Teilnehmern angeboten wurden, seien zwar nicht angenommen worden. Als »wirksam« bewertete er hingegen die Arbeit der Caritas.

Das sagt ein Beteiligter

Manucher Putzig gehört seit fünf Jahren zum so genannten Trinker-Treff in Herford. Der 34-Jährige bezeichnet sich als Sprecher der Szene. Er sagt, das Angebot der Caritas sei enorm wichtig. »Es ist ein gutes Zeichen, dass es weitergehen soll. Zu den Sozialarbeitern haben wir einen guten Draht. Wir können sie jederzeit anrufen. Sie machen einen super Job, helfen, wo sie können.« Auch die wöchentlichen warmen Mahlzeiten des »Kost-Bar«-Mobils vor der Volkshochschule – es wird vom Erzbistum Paderborn finanziert – sieht Putzig positiv.

Der 34-Jährige sagt, er könne nicht verstehen, dass die Gruppe angefeindet werde. »Wir sind doch schon ganz unten und haben alle ein ziemlich hartes Leben hinter uns. Weshalb muss da noch auf uns herumgetreten werden?«

Natürlich könne er manchen Ärger verstehen, etwa wenn wild uriniert werde. »Ein Dixi-Klo könnte helfen«, findet Putzig. Er wünscht sich, dass die Politiker nicht nur über sie, sondern »mit uns reden. Die Fraktionen sind eingeladen, uns zu besuchen und sich ein Bild zu machen. Vielleicht lässt sich ja gemeinsam eine Lösung finden, mit der alle leben können.« (mor)

...

Es müsse eine Interimslösung geben, sagte Ridderbusch, »weil es nicht gelingen wird, ein allumfassendes Konzept in so kurzer Zeit zu erstellen«. Er hoffe, dass auch die Betroffenen an der Lösungssuche mitwirkten.

Alltag positiv verändern

Der Aussschuss schloss sich auch einer Forderung von Hans-Gerd Adolphy (SPD) an: Bis Ende September 2019 solle »ein schlüssiges Konzept vorgelegt werden, das auch die Chance hat, angenommen zu werden«. Zudem solle die Caritas halbjährlich berichten und über die Erfolge ihrer Arbeit informieren. Ziel sei, die Gestaltung des Alltags der Treff-Teilnehmer positiv zu verändern. Adolphy weiter: »Wir reden immer nur über diese Leute, nicht mit ihnen – das ist ein Problem.«

Skeptisch äußerte sich Paul-Dieter Wiedemann, der seitens der CDU eine weitere finanzielle Hilfe ablehnte: »Die Caritas leistet dort schon lange Sozialarbeit und es hat sich nichts verändert.« Die Gruppe sei nicht kleiner geworden und auch nicht leiser. Sie sei lediglich aufgrund der Verbotszone an einen anderen Standort vertrieben worden.

Will die Gruppe denn Hilfe?

Aus Sicht seines Fraktionskollegen Andreas Gorsler »steht die Arbeit, die wir hier für ein paar Leute aufwenden, in keinem Verhältnis«. Jeder könne andere Bereiche nennen, wo das Geld dringender benötigt werde. Wenn bei diesem Innenstadt-Treff über die Stränge geschlagen werde, sei es »ein Fall für das Ordnungsamt oder die Polizei«.

Jeder dürfe seine Freizeit frei gestalten. Wenn Teilnehmer sich hinter der VHS träfen, müsse dafür gesorgt werden, dass sie nicht andere belästigten. Gorsler: »Könnte es sein, dass sich die Beteiligten gar nicht betreuen lassen und einfach in Ruhe gelassen werden wollen?«

Kostenschätzung 85.000 Euro

Ridderbusch widersprach: Die Situation habe sich verbessert. Gruppen wie diese werde es im öffentlichen Raum immer geben. »Wir sind verpflichtet, den Menschen weiterhin zu helfen – und müssen herausfinden, wie das am besten geht.«

Folgt der Rat dem Ausschuss-Votum, müsste er Geld bewilligen, damit der Vertrag mit der Caritas verlängert werden kann. Der läuft Ende März aus. Wieviel die Fortsetzung der Sozialarbeit kosten würde, steht noch nicht fest. Im Ausschuss war die Rede von bis zu 85.000 Euro.

Konzept bis zum Herbst

Der Vorschlag der Grünen bedeutet aus Sicht des Ausschussvorsitzenden Andreas Rödel (SPD), »dass wir erst mal so weitermachen wie bisher – und da habe ich kein gutes Gefühl«. Denn Ziel in der politischen Diskussion sei gewesen: »Man wollte die Situation verändern.« Das von der Verwaltung vorgelegte kostspielige Konzept habe der Ausschuss abgelehnt.

Rödel betonte, dass daher nun im Herbst ein greifbares Konzept vorliegen müsse, das gemeinsam mit Sozialarbeitern und Betroffenen zu entwickeln sei: »Wir können das nicht einfach so weiter betüdeln.« Ordnungspolitisch sei kaum etwas auszurichten. Egal, wo die Gruppe sich aufhalte: »Man will sie nicht.« Die Stadt müsse diese Situation aber aushalten: »Jeder Mensch hier hat das Recht, dass man ihm respektvoll und mit Wertschätzung begegnet.«

Kommentare

Diese Diskussion ist geschlossen. Kommentieren ist nicht mehr möglich.
 
https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/6374412?categorypath=%2F2%2F2158585%2F2158590%2F2198384%2F2198393%2F2514620%2F
Landrat: Versorgung der Tönnies-Werkvertragsarbeiter klappt nicht
In Verl reicht ein Mitarbeiter des Roten Kreuzes einem Mann, der unter Quarantäne steht, ein Brot. Foto: dpa
Nachrichten-Ticker