Beratungsstelle Theodora beobachtet Verlagerung ins Netz – mit Video
Sexarbeit: Werden die Clubs immer leerer?

Herford/Bielefeld (WB). Eigentlich sollte das Prostituiertenschutzgesetz eine Hilfestellung für Sexarbeiterinnen sein. Doch die Erfahrungen der Anlaufstelle Theodora in Herford lassen anderes vermuten.

Mittwoch, 06.02.2019, 03:30 Uhr aktualisiert: 06.02.2019, 07:14 Uhr
Eine Sexarbeiterin in einem Etablissement in Bielefeld. Foto: Christian Althoff

Denn Katharina Hontscha und Diana Georgieva melden, dass in den Bordellen und einschlägigen Wohnungen zunehmend weniger Frauen anzutreffen sind. Die beiden Theodora-Mitarbeiterinnen sind seit Jahren in Etablissements in ganz OWL unterwegs, um den Prostituierten unter anderem beim Ausstieg aus der Szene zu helfen.

»Doch die Clubs werden leerer«, sagt Birgit Reiche von der Evangelischen Frauenhilfe in Westfalen, zu der Theodora gehört. Dafür füllten sich die Internetforen. Das Theodora-Team schließt daraus: Frauen würden ihre Dienste zunehmend lieber »auf Parkplätzen oder anderen Orten« anbieten, als in von Behörden kontrollierten Bordellen zu arbeiten. »Damit ist das eingetreten, was wir vor der Einführung des Gesetzes immer befürchtet haben«, sagt Reiche. »Die Frauen werden in die Illegalität abgedrängt.«

Das Gesetz und die damit einhergehende Meldepflicht gilt seit Juli 2017, die Übergangsphase endete Anfang Januar 2018. Der Rücklauf? Eher mau. Weil verlässliche Zahlen fehlen, ging die NRW-Landesregierung in einem Bericht aus dem November 2018 von 42.ooo Sexarbeiterinnen aus. Nur knapp jede Zehnte hatte sich bis zum Stichtag gemeldet.

In OWL hat die Stadt Bielefeld die Registrierung der Prostituierten der Region übernommen. Hier wurden im abgelaufenen Jahr 572 Anmeldungen verzeichnet, 590 Mal wurde die gesundheitliche Beratung genutzt, wie die Stadt auf Anfrage mitteilt. 2019 sind bislang jeweils 32 Klientinnen regis­triert worden.

Bielefelds Erste Beigeordnete Anja Ritschel sagt, »dass es sich bei dem Gesetz sicherlich nicht um einen zahnlosen Tiger handelt«. Es sei positiv, dass so viele Frauen erreicht werden konnten. Aber die »Skepsis« mit Blick auf die Wirkungskraft des Gesetzes sei nicht verflogen. Frauen, die unter schlechten Arbeitsbedingungen oder gar Zwang und Gewalt litten, würden nicht erreicht. Genau das war mit dem Gesetz allerdings beabsichtigt worden.

Theodora hilft beim Ausstieg

Die Beratungsstelle Theodora berät Sexarbeiterinnen zu diversen Themen – von der Krankenversicherung bis zur Steuererklärung. Katharina Hontscha und Diana Georgieva knüpfen den Kontakt zu den entsprechenden Stellen.

Wer möchte, der kann mit ihrer Hilfe auch den Weg in einen regulären Job außerhalb des Rotlichts finden. Dafür arbeitet Theodora seit drei Jahren mit der Regionalen Personalentwicklungsgesellschaft mbh in Bielefeld (kurz: Rege) zusammen. Für diese Kooperation gab’s jetzt eine Förderzusage des Europäischen Hilfsfonds für die am stärksten benachteiligten Personen in Deutschland (EHAP) für weitere zwei Jahre. Davon sollen vor allem rumänische und bulgarische Prostituierte profitieren, die laut Theodora immer noch in der Mehrheit sind. Die Frauen hätten oft eine schlechte Schulbildung oder seien gar Analphabetinnen, sagt Birgit Reiche.

Altenpflege-Jobs beliebt

Rege-Beraterin Claudia Pipos zeigt Sexarbeiterinnen mit Kindern den Weg in deutsche Hilfesysteme und zu Bildungsangeboten. »Die Frauen, die zu mir kommen, sind sehr motiviert«, sagt Pipos. Sie wollen für sich und ihre Kinder »aus eigener Kraft« etwas aufbauen. Besonders ein Neuanfang als Altenpflegerhelferin sei beliebt. »Dort werden Kräfte gesucht.« Berührungsängste hätten die Frauen nicht.

25 Klientinnen hat Pipos 2018 beraten. Insgesamt geht man bei Theodora von etwa 2000 bis 3000 Prostituierten in der Region aus. Wegen der in der Branche üblichen hohen örtlichen Fluktuation sei das aber nur ein Schätzwert.

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