Axel Grünewald beschäftigt sich mit dem Thema »Wanderungsbewegungen«
Bilder der Sehnsucht

Herford (WB). Ein Schiff in weiter Ferne – wer vom Festland aus beobachtet, wie sich die Silhouette im Nebeldunst entfernt, weiß, dass er zurückbleiben muss. Bilder der Sehnsucht zeigt der aus Herford stammende Fotograf Axel Grünewald in seinem neuen Fotoband.

Dienstag, 05.02.2019, 10:00 Uhr
Kaum erkennbar ist das Schiff. Entstanden sind die Horizont-Aufnahmen in der Meerenge von Gibraltar, die auch eine Grenze zwischen Afrika und Europa darstellt. Foto: Axel Grünewald

»Bankett« lautet der Titel des Buches – wobei Bankett in diesem Zusammenhang nichts Partyähnliches meint, sondern einen Randstreifen. Es sind Stellen in den Küstenregionen von Marokko und Südspanien, von denen aus die Menschen aufs Meer blicken können. Die Fotografien mit den Schiffen entstanden in der Meerenge von Gibraltar.

Grenze zwischen Kontinenten

Dabei geht es nicht nur um die Grenze zwischen zwei Ländern, sondern auch zwischen zwei Kontinenten – was die Brücke schlägt zum Thema Migration. Er habe etwas zu den aktuellen Wanderungsbewegungen machen wollen, sagt Axel Grünewald. Immer wieder fuhr er in die Regionen und irgendwann kristallisierte sich die Idee mit den Horizont-Aufnahmen heraus.

Der 64-Jährige, der eine Professur für Fotografie an der FH Bielefeld innehat, ist kein Mann für moralisierende Sozialreportagen. Gleichzeitig allerdings verbindet sich bereits mit dem Interesse am Schicksal von Flüchtlingen eine weltanschauliche Haltung. Der Fotograf nähert sich dem Thema eben nicht neutral. Und gerade weil Grünewald in seinen Arbeiten auf offensichtliche politische oder moralische Fingerzeige verzichtet, erhalten diese eine besondere Intensität.

Das Schiff, unerreichbar für den, der am Rand steht, wird zum Objekt der Sehnsucht, der Sehnsucht auf ein besseres Leben. Manchmal ist auf den Fotografien nur ein ganz kleiner Punkt zu sehen – so dass der empathisch begabte Bildbetrachter die reale Ohnmacht des Wanderungswilligen erahnt.

Im Nebeldunst verschwinden

Für Foto-Laien nicht auf Anhieb nachvollziehbar ist der Aufwand, den Axel Grünewald betreibt. Enorm viel Zeit hat er für die Fotografien mit dem immer gleichen Motiv aufgewandt. Einer der Gründe: »Bei der Meerenge handelt es sich um eine viel befahrene Straße. Ich wollte aber immer ein einzelnes Schiff und da musste ich warten.« Hinzu kommt die bevorzugte Witterung: »Die Schiffe sollten im Nebeldunst verschwinden.«

Aber auch dann war der Perfektionist Grünewald oft nicht zufrieden. Nach der Sichtung zuhause stellte er fest, dass das Material immer noch nicht reicht: »Also bin ich wieder ans Meer gefahren.«

Andere Fotografien zeigen schmucklose rote Neubauten, wie sie laut Grünewald in Marokko häufig vorkommen. Unwirtliche Blöcke, die der Bielefelder so fotografiert hat, dass keine Fenster zu erkennen sind – was den Eindruck von Ausweglosigkeit erzeugt. Andere Fotografien entstanden in Grenzregionen, an Sammelstellen, an denen die Fluchtwilligen die Hoffnung auf ein besseres Leben Realität werden lassen wollen.

»Ein unsicheres Medium«

Atmosphärisch herausragend sind die Horizont-Fotografien. Dass man gleiche Resultate mit deutlich geringerem Aufwand im Photoshop erzielen kann, weiß der Hochschulprofessor. Und er selbst habe auch grundsätzlich nichts gegen Simulationen, stellt er klar: »Wenn es zum Beispiel darum geht, aufzuzeigen, was möglich sein könnte.«

Im Fall des »Banketts« allerdings gehört das Wissen um das Nicht-Manipulierte dazu. Axel Grünewald: »Der Betrachter muss das Gefühl haben, dass er dem Autoren Ernsthaftigkeit unterstellen kann.« Auch wenn die Fotografie, wie er hinzufügt, »ein unsicheres Medium« sei: Beliebig dürfe sie nicht werden.

Axel Grünewald: Bankett. Kerber Verlag. 180 Seiten, 92 Fotografien, 55 Euro .

Kommentare

Diese Diskussion ist geschlossen. Kommentieren ist nicht mehr möglich.
 
https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/6369874?categorypath=%2F2%2F2158585%2F2158590%2F2198384%2F2198393%2F2514620%2F
Ein Ende und ein Anfang
Rheda-Wiedenbrück: Eine Luftaufnahme der Tönnies Holding. Foto: Guido Kirchner/dpa
Nachrichten-Ticker