Herforder Wirte-Paar Helga und Gunther Jessel geht in Rente – Nachfolger nicht in Sicht – mit Video
Ausgezapft: Martinsklause macht zu

Herford (WB). In drei Wochen läuft das letzte Pils durch den Zapfhahn der Martinsklause: Wirtin Helga (70) und ihr Mann Gunther »Schraube« Jessel (62) hören auf. Damit verliert Herford eine der ältesten Innenstadtkneipen – und zwei echte Originale.

Samstag, 02.02.2019, 03:30 Uhr
Ein Prosit zum Abschied: Helga und Gunther Jessel haben 18 Jahre lang die Martinsklause geführt. Am 23. Februar geben die beiden die Traditionsgaststätte ab. Zum Abschied gibt’s eine Überraschung für die Gäste. Foto: Moritz Winde
Kommentar

um Spatz, Im Nest, Zirbelstube, Stadt Cöln – und jetzt Martinsklause: Nach und nach verschwinden alt eingesessene Gaststätten aus dem Stadtbild. Statt Eiche rustikal wollen die meisten heute offenbar lieber Loungecharakter.

Diese Entwicklung zeigt: Die Ausgeh-Gewohnheiten haben sich geändert. Die kleine Kneipe – 1976 von Peter Alexander besungen – scheint ein Auslaufmodell zu sein. Das ist schade. Aber was nützt all die Romantik, wenn am Ende die Kasse nicht stimmt? Wer sich nicht moderner aufstellt, wird es schwer haben, zu überleben.

Moritz Winde

...

Die »rote Helga« – so wird sie wegen ihrer knalligen Haarfarbe genannt – steht an diesem Mittwochabend dort, wo sie den Großteil der letzten 18 Jahre verbracht hat: hinterm Tresen. Zwischen Schnapsflaschen ein Schild. Darauf steht: »Hier kann jeder machen, was ich will«. Einige Stammgäste sitzen an der Bar. An der Wand hängt ein XXL-Fernseher.

Es läuft irgendeine Fußball-Wiederholung. Was auch sonst, schließlich war die Ende der 70er Jahre eröffnete Klause jahrzehntelang Vereinskneipe verschiedener Herforder Sportclubs. Hier wurden Aufstiege begossen und Klassenerhalte gefeiert – und bei Abstiegen fand man Trost zwischen den Dartboards.

Schöne Erinnerungen bleiben

Es gab Zeiten, in denen das Feierabendbier in der urigen Gaststätte obligatorisch war. Doch die sind vorbei. »Die Gewohnheiten haben sich geändert. Heute geht es nach der Arbeit zur Familie. Und statt sonntags zum Frühshoppen wird im Bistro gefrühstückt«, sagt Helga Jessel. Die wirtschaftlich fetten Jahre der Wirtschaft liegen lange zurück.

In der Vergangenheit hatte die bekannte Wirtin immer mal wieder mit dem Gedanken gespielt, den Laden aufzugeben, dann die Schließung aber nicht übers Herz gebracht. »Es war doch mein Leben.«

Je näher der letzte Tag rückt – am 23. Februar ist eine Überraschung geplant –, desto sentimentaler werde sie. »Das geht mir schwer ab. Es kommen all’ die Erinnerungen an die tollen Feste, an die schönen Begegnungen und an die guten Gespräche wieder hoch«, sagt sie.

Seit 30 Jahren ist die gebürtige Schlesierin Gastronomin, erst im Spökenkieker an der Werrestraße, dann im Schützeneck an der Mindener Straße und zuletzt in der Klause am Martinsgang/Ecke Brüderstraße.

Der Job hat Spuren hinterlassen. Ihre Hüften mussten ersetzt werden, auch gegen die Rückenschmerzen half nur eine OP. »Das viele Stehen hat mich kaputt gemacht«, sagt sie und betont im selben Atemzug: »Ich will mich aber nicht beschweren. Wirtin war mein Traumjob. Ich würde alles wieder so machen.«

Umzug nach Bad Salzuflen

Die Brüder Mehmet und Murat Colak haben die Immobilie wegen der Top-Innenstadtlage im vergangenen Jahr gekauft. Der Wirtschaftsingenieur und der Steuerberater sagen, sie würden die Traditionsgaststätte mit dem ganz eigenen, besonderen Charakter gerne erhalten.

Doch ein passender Nachfolger sei bislang nicht gefunden worden. »Und das wird wohl auch schwierig«, glaubt Steuerberater Murat Colak. Plan B sehe vor, die Kneipe zu Ladenlokalen umzubauen. Und wenn daraus nichts werde, soll ein Teil des Hauses abgerissen und neu gebaut werden.

Zurück am Tresen: Helga Jessel lässt eine neue Runde kühles Blondes einlaufen. Ist für die 70-Jährige ein Leben ohne Kneipe vorstellbar? »Das war lange nicht denkbar«, sagt sie. Doch sie freue sich nun auf ihre neue Freizeit: »Ich kann endlich das tun, worauf ich Lust habe. Ein freies Wochenende oder gar Urlaub hatte ich schon eine halbe Ewigkeit nicht mehr.«

Die Jessels – das Ehepaar wohnt noch über der Klause – sitzen auf gepackten Koffern. Sie ziehen nach Bad Salzuflen. Herford und die Martinsklause aber werden sie nie vergessen.

DEHOGA-Kreischef Andreas Müller. Foto: Moritz Winde DEHOGA-Chef zum Kneipensterben

Der Kreisvorsitzende des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes (DEHOGA), Andreas Müller, bezeichnet das Kneipensterben in Herford als dramatisch. Zwar gebe es keine offizielle Statistik. »Ich schätze aber, dass bestimmt die Hälfte der traditionellen Gaststätten in den letzten Jahren geschlossen hat. Kneipen waren immer auch eine Art Seelenwäsche: Am Tresen ist es doch fast wie beim Psychologen.«

Der 58-jährige Chef der Pfälzer Weinstube führt diese Entwicklung auf verschiedene Faktoren zurück: »Die Leute haben eine veränderte Lebensweise. Die neuen Kneipen sind die Bistros, Cafés und Systemgastronomien, die überall eröffnen.«

Außerdem sei es heutzutage ein hohes Risiko, eine Gaststätte aufzumachen. »Die Auflagen der Behörden sind extrem hoch. Von der Deckenhöhe, über die Küchengröße bis zur Behindertentoilette – alles ist bis ins Detail vorgeschrieben. Und dann die viele Dokumentation. Wir verwalten uns zu Tode.«

Die Martinsklause mit dem markanten St.-Martin-Bild auf der Fassade gibt es seit mehr als 40 Jahren. Foto: Moritz Winde

 

Kommentare

Diese Diskussion ist geschlossen. Kommentieren ist nicht mehr möglich.
 
https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/6363156?categorypath=%2F2%2F2158585%2F2158590%2F2198384%2F2198393%2F2514620%2F
Krisenstab mietet Wohnsiedlung für positiv getestete Tönnies-Mitarbeiter an
Symbolbild. Foto: dpa
Nachrichten-Ticker