Heinz Timmreck: Buch über Zugunglück in Ostpreußen – Aufsatz eines polnischen Historikers Die andere Seite der Geschichte

Herford (WB). Die Vergangenheit lässt Heinz Timmreck nicht ruhen. Als Siebenjähriger wurde er Zeuge eines schrecklichen Zugunglücks im ostpreußischen Grünhagen. Bis zu 7000 Flüchtlinge waren im Januar 1945 davon betroffen – zu den Geschehnissen veröffentlicht der 81-Jährige jetzt sein drittes Buch.

Von Hartmut Horstmann
Der 81-jährige Heinz Timmreck mit seinen Enkeln Johann Morten (links) und Ben Mathis: Für die nachfolgenden Generationen hat der Autor die Bücher über das Zugunglück herausgegeben: »Sie sollen erfahren, was in Ostpreußen geschah.« Das Foto entstand in einer Wohnanlage in Hamburg-Rissen, in der Heinz Timmreck mit seiner Frau seit vier Jahren lebt.
Der 81-jährige Heinz Timmreck mit seinen Enkeln Johann Morten (links) und Ben Mathis: Für die nachfolgenden Generationen hat der Autor die Bücher über das Zugunglück herausgegeben: »Sie sollen erfahren, was in Ostpreußen geschah.« Das Foto entstand in einer Wohnanlage in Hamburg-Rissen, in der Heinz Timmreck mit seiner Frau seit vier Jahren lebt. Foto: Frauke Timmreck

Hunderte kamen ums Leben

Herforder kennen Heinz Timmreck als Leiter der Rechstabteilung der Sparkasse Herford. Um seinen Kindern und Enkeln nahe zu sein, zog er mit seiner Frau vor vier Jahren nach Hamburg. Die Enkel sind für ihn auch die entscheidende Triebfeder seines Tuns. »Denn die Enkel sollen wissen, was damals in Ostpreußen geschah«, sagt Heinz Timmreck – und fügt über das Zugunglück hinzu: »Wenn ich es nicht aufschreibe, dann tut es keiner.«

Am 22. Januar 1945 war ein Zug mit Flüchtenden in der Dunkelheit auf einen haltenden Lazarettzug gefahren. Unter den Betroffenen war auch die Familie Timmreck. Heinz Timmreck erinnert sich noch, wie Soldaten der Roten Armee in die Menschenmenge schossen. Dennoch gelang es den Timmrecks zu entkommen. Doch Hunderte Menschen kamen ums Leben.

Historiker schreibt Aufsatz

Trotz der 7000 Personen, die betroffen waren, spielte das Zugunglück in der Literatur keine Rolle. Nachdem Heinz Timmreck in Zeitungen der Heimatvertriebenen darüber geschrieben hatte, bekam er viel Resonanz. Die Zeitzeugen kommen auch in dem Buch zu Wort, das er vor sieben Jahren veröffentlichte. Eine weitere Publikation mit Erlebnisberichten von 50 Zeitzeugen folgte – und Heinz Timmreck glaubte, das Seinige zur Erhellung der Geschichte beigetragen zu haben.

Doch das Engagement geht auch – oder gerade – im Ruhestand weiter. Angeregt durch Timmrecks Veröffentlichungen, hat sich ein polnischer Historiker mit dem Thema beschäftigt. Dr. Thomasz Gliniecki, einst stellvertretender Direktor des Museums des Zweiten Weltkrieges in Danzig, beleuchtet in einem Aufsatz die Rolle der Roten Armee.

Nicht anklagen, sondern versachlichen

Dieser Aufsatz, den Timmreck jetzt zweisprachig abdruckt, trägt den Titel: »Die Zugkatastrophe bei Grünhagen im Jahr 1945 als Beispiel der Unterschiede in den nationalen Gedächtnissen.« Dafür hat der Historiker Einsicht in Moskauer Archive genommen. Nach den Berichten der Flüchtenden werde nun auch die Gegenseite gezeigt, sagt Timmreck – und fügt hinzu: »Damit ist für mich ein Schlusspunkt erreicht.«

Der Herausgeber betont, er wolle »nicht anklagen, sondern zur Versachlichung der damaligen Kriegsereignisse beitragen«. Die unterschiedlichen Wahrnehmungen ergeben sich aus den unterschiedlichen Perspektiven. Von deutscher Seite aus werde der fliehenden Bevölkerung besondere Beachtung geschenkt, schreibt Autor Gliniecki in seinem Aufsatz. Auf sowjetischer Seite sei es die Rolle der Roten Armee, die Deutschland von den Nazis befreit habe.

Erster Schuss von einem Deutschen

Die Berichte, die der Historiker eingesehen hat, ergänzen die Zeitzeugen-Erinnerungen, die Timmreck zusammengetragen hat. Ein völlig neues Bild ergebe es aus seiner Sicht nicht, sagt der Herausgeber. So erinnere sich ein Hauptmann, dass ein Schuss aus der Menschenmenge von einem Deutschen abgegeben worden sei: »Das haben auch vier Zeitzeugen in meinem Buch ›Letzte Flüchtlingszüge aus Ostpreußen‹ berichtet oder angedeutet.« Durch diesen Schuss sei eine zusätzliche Katastrophe ausgelöst worden.

Bestätigt wird auch, »dass Einheiten der Roten Armee die Fuhrwerke der Fliehenden durch Überrollen zermalmt« hätten. Erklärt wird dies unter anderem durch eine damals verbreitete Meldung, die Deutschen hätten eine neue Waffenart. Sie nutzten Pferdewagen, um die Angriffswege der Panzer zu blockieren. Für Timmreck scheint dies ein nachträglicher Versuch zu sein, »das unmenschliche Verhalten der Soldaten gegenüber Zivilisten« zu rechtfertigen.

Vier Monate im Flüchtlingslager

Das Buch des Wahl-Hamburgers enthält so auch die andere Seite der Geschichte. Ihm selbst war mit seiner Familie im zweiten Anlauf die Flucht gelungen. Die Timmrecks kamen nach Herford und waren vom 27. Juni 1947 an für vier Monate im Flüchtlingslager Elverdissen untergebracht.

Das Buch

Mit dem Buch »Missglückte Flucht Januar 1945« hat Heinz Timmreck seinen dritten Band herausgegeben, der sich mit der Zugkatastrophe von Grünhagen beschäftigt. Dabei ist dieses Ereignis eine Art Ausgangspunkt für weitere Berichte von Menschen, die aus Ostpreußen geflohen sind. Der dritte Band stellt gewissermaßen eine Reaktion auf die Vorgängerbücher dar. So beleuchtet der polnische Historiker Dr. Tomasz Gliniecki in einem Aufsatz die Perspektive der Roten Armee.

Das 88 Seiten umfassende Buch enthält zahlreiche Abbildungen und kann zum Preis von 17,99 Euro im Buchhandel bestellt werden. Es ist erschienen bei »Books on Demand« – wie die anderen Publikation von Heinz Timmreck auch.

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