Vorsitzender der jüdischen Gemeinde besorgt über neue Welle des Antisemitismus Antisemitismus: »Die Masken sind gefallen«

Herford (WB). Für Matitjahu Kellig (69) steht fest: Eine neue Welle des Antisemitismus breitet sich derzeit nicht nur in Deutschland aus. »Die Masken sind gefallen«, sagt der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Herford-Detmold. Die Anfeindungen hätten in den vergangenen zwei bis drei Jahren massiv zugenommen.

Von Jan Gruhn
Der Musikprofessor und Gemeindevorsitzende Matitjahu Kellig spricht von einer Zunahme der Anfeindungen.
Der Musikprofessor und Gemeindevorsitzende Matitjahu Kellig spricht von einer Zunahme der Anfeindungen.

Zurzeit gehen besonders die Fälle durch die Presse, bei denen die Angreifer einen palästinensischen Hintergrund haben: In Berlin wurde ein Kippa tragender Student mit einem Gürtel geschlagen. In Bonn wird ein jüdischer Professor attackiert – und anschließend von der Polizei mit dem Angreifer verwechselt.

»Könnte viele erschreckende Beispiele nennen«

Doch auch die Parolen von Rechts würden immer lauter, sagt Kellig. »Ich könnte viele erschreckende Beispiele nennen«, sagt der emeritierte Musikprofessor. Beispiele dafür, dass zum Beispiel einige Mitglieder älterer Generationen »aus der Geschichte nichts gelernt« hätten. Die sich mittlerweile wieder trauten, ohne vorgehaltene Hand zu sprechen.

Kelligs Eindruck findet statistischen Niederschlag: Eine Langzeitstudie der Technischen Universität Berlin hat festgestellt, dass antisemitische Äußerungen in sozialen Medien und Online-Foren in den vergangenen zehn Jahren angewachsen sind. Zudem sei die Sprache radikaler geworden, schreibt die Autorin Monika Schwarz-Friesel.

Kontakt zum Staatsschutz

Der Gemeindevorsitzende selbst muss eigenen Angaben zufolge täglich mit der Angst vor Angriffen leben: »Wir haben unser Haus sicher gemacht.« Regelmäßig fährt die Polizei an seinem Heim in Detmold vorbei. Er stehe in gutem Kontakt zum Staatsschutz, sagt der ehemalige Hochschullehrer. Besonders, seitdem er sich mit der Partei Die Rechte angelegt hat. Funktionär Sascha Krolzig hatte Kellig in einem Online-Beitrag antisemitisch beschimpft und war dafür vor dem Amtsgericht Bielefeld im Februar zu sechs Monaten Haft verurteilt worden.

Es sei traurig, dass »ein Land mit dieser Geschichte es nicht schafft, Antisemitismus über den Bildungsweg zu bekämpfen«. Darin sieht Kellig den einzigen Ausweg: Nicht nur Schulen, sondern alle Bildungseinrichtungen – bis hin zu den Universitäten – müssten sich diesem Thema mit deutlich mehr Wucht als bisher widmen.

Die Jüdische Gemeinde Herford-Detmold ist mit aktuell 85 Mitgliedern laut Kellig die zweitgrößte ihrer Art in Ostwestfalen. Laut Zentralrat der Juden haben die jüdischen Gemeinden Deutschlandweit knapp 100.000 Mitglieder.

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