Bei Kettler können Kunden ein Getränk für Bedürftige vorstrecken - mit Video In dieser Konditorei gibt es jetzt »aufgeschobenen Kaffee«

Herford (WB). Zwei Euro kostet ein Becher Kaffee in der Konditorei Kettler. Doch nicht jeder kann sich das leisten. Deshalb hat sich Chefin Heide Kettler (53) jetzt eine ganz besondere Aktion einfallen lassen. An ihrer Ladentheke in der Höckerstraße 1 gibt es nun »aufgeschobenen Kaffee«.

Von Jan Gruhn
Konditormeisterin Heide Kettler (53) bietet jetzt aufgeschobenen Kaffee an. Kunden bezahlen einen Becher To-Go für Bedürftige.
Konditormeisterin Heide Kettler (53) bietet jetzt aufgeschobenen Kaffee an. Kunden bezahlen einen Becher To-Go für Bedürftige. Foto: Jan Gruhn

Eine Kundin habe sie darauf gebracht, erklärt die Konditormeisterin. »Sie wollte einen Kaffee mehr bezahlen für jemanden, der sich das selbst nicht leisten kann.« Menschen, die eben keine zwei Euro für einen To-Go-Kaffee übrig haben, dürfen sich seit zwei Wochen an der Theke nach einem aufgeschobenen Kaffee erkundigen. 

Altbekanntes Konzept

Ob es sich dabei wirklich um Bedürftige handelt, will Kettler nach aktuellem Stand nicht kontrollieren – zunächst einmal wolle man es mit Vertrauen versuchen.  In größeren Städten werde dieses Prinzip bereits länger praktiziert, meint Kettler. »So kann man mit kleinem Geld etwas Gutes tun.« Ganz unkompliziert, ganz unbürokratisch. Das Prinzip ist nicht neu:  So gibt es seit mehr als Hundert Jahren in Neapel die Tradition des »Caffè sospeso« (etwa: schwebender Kaffee).

Auszubildende Melanie Menke (19) vor der Tafel, auf der die aufgeschobenen Kaffees vermerkt werden. Foto: Jan Gruhn

Dass Armut ein wachsendes gesellschaftliches Problem ist, sieht sie auch in ihrem Betrieb. »Wir haben zum Beispiel ältere Gäste, die seit Jahren zu uns kommen«, erklärt die Gastronomin. »Anfang des Monats ist von der Rente noch genug da. Gegen Monatsende wird es dann knapp.« Und die Besuche würden deutlich seltener.

Wenn die Rente knapp wird

Laut Statistischem Bundesamt waren 2016 in Deutschland etwa 16 Millionen Menschen von Armut oder sozialer Ausgrenzung betroffen. EU-weit seien es 23,5 Prozent gewesen. Nach eigenen Angaben hat Heide Kettler die Herforder Tafel und die Caritas über ihre Idee informiert. Die könnte die Aktion dann ihren Klienten erklären.

Wie viele aufgeschobene Kaffees jeweils vorrätig sind, verrät eine Tafel. Sie ist im Treppenaufgang zur zweiten Etage des Cafés angebracht. »So nehmen unsere Kunden die Aktion direkt wahr«, hofft Kettler. Ein Info-Blatt erklärt das Prinzip. Besonders, wenn die wärmeren Frühlingstemperaturen mal wieder auf sich warten lassen, soll der aufgeschobene Kaffee zum Mitnehmen eine kleine, warme Oase sein.

Wenn keiner mehr da ist

Allerdings: Wenn kein Kaffee mehr auf Halde liegt, dann sei das für den Moment eben so. »Wir müssen ja auch sehen, dass wir davon leben können. Wir sind nur die Vermittler«, sagt Kettler.

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