Kein Job für schwache Nerven: unterwegs mit der Müllabfuhr in der engen Innenstadt Die Angst fährt mit

Herford (WB). Piep, piep, piep: Matthias Bentrup hat den Rückwärtsgang eingelegt. Sein Blick ist angestrengt. Die Augen wandern zwischen den sechs Spiegeln hin und her. Er schlägt das Lenkrad ein. Gibt Gas. Bremst. Korrigiert die Reifenstellung. Im Schneckentempo zuckelt der tonnenschwere Müllwagen nach hinten. Die Enge der Gasse ist erdrückend. Wäre es bloß nicht so finster.

Von Moritz Winde
Wenn Herford noch schläft, schaffen die Männer der SWK den Müll weg. Im Schneegestöber weist Niclas Froböse seinem Kollegen im Faulen Steg den Weg.
Wenn Herford noch schläft, schaffen die Männer der SWK den Müll weg. Im Schneegestöber weist Niclas Froböse seinem Kollegen im Faulen Steg den Weg. Foto: Moritz Winde

Falschparker erschweren die Arbeit

Die Dunkelheit hat Herford an diesem Morgen fest im Griff. Es ist Mittwoch, der Tag der Innenstadttour. Gerade hat ein unangenehmes Gemisch aus Regen und Schnee eingesetzt. »Alles reflektiert. Das macht es nicht einfacher. Da musst du mit dem Kopf voll da sein. Eigentlich bräuchtest du sechs Augenpaare«, sagt Matthias Bentrup.

Um kurz vor 6 Uhr rollt der SWK-Tross vom Betriebshof an der Goebenstraße. Die Männer in den orangefarbenen Overalls müssen auf die Tube drücken. Die Zeit sitzt ihnen im Nacken. »Um 9 müssen die Eimer leer sein. Spätestens. Dann kommen die Geschäftsleute«, sagt der 40-Jährige, der die Tonnen Eimer nennt. Mit jedem neuen Passanten steigt das Risiko, jemanden zu überrollen. Die Gefahr fahre immer mit. Muffensausen gehöre zum Tagesgeschäft, sagt er.

In der Fidelenstraße hinter dem Saturn-Parkhaus geht’s nicht weiter. Zwei Autos stehen in der Kurve. Absolutes Halteverbot. Davor mehrere Pfosten. Unverrückbar! »Eigentlich müsste ich jetzt rückwärts in die Credenstraße. Aber das kann ich wohl knicken«, sagt Matthias Bentrup, schaltet den Motor aus und springt aus dem Führerhaus, um die Lage zu inspizieren. Während Falschparker in anderen Städten rigoros abgeschleppt würden, passiere in Herford nichts. »Das erschwert uns die Arbeit.«

Anzeigen-Formulare immer dabei

Plötzlich taucht ein junger Mann in Badelatschen auf, offensichtlich gerade erst aufgewacht. »Was seid ihr für Vögel?«, raunzt er die Müllmänner in aggressivem Tonfall an. Die versuchen freundlich zu bleiben und fordern ihn auf, seinen Wagen wegzufahren. Erst nach minutenlanger Diskussion und weiteren Beleidigungen durch den BMW-Fahrer macht er den Weg frei.

Die SWK-Leute erzählen, sie seien Beschimpfungen gewohnt. Der Ton sei rauer geworden. »Manchmal hilft nur eine Anzeige«, sagt Matthias Bentrup, der für solche Fälle passende Formulare griffbereit hat. Und noch etwas: »Das Anspruchsdenken der Leute ist höher geworden. Manche denken, wir würden die Eimer direkt aus dem Keller holen. Sie bezahlen schließlich dafür.« Die Beschwerden seien oft abenteuerlich. »Das geht sogar bis zum Bürgermeister.« Er wünscht sich mehr Respekt.

Seit zwölf Jahren sitzt Bentrup auf dem Bock des Heckladers oder steht hinten auf dem Trittbrett. Es sei die schwerste Arbeit, die er je gemacht habe. »Zu heiß, zu kalt, zu nass, zu glatt – all das gibt es bei uns nicht. Der Müll muss weg. Egal, wie lange es dauert. Es gibt Tage, an denen wir erst nach 18 Uhr ausstempeln.« Nur einmal, als Herford eingeschneit war, habe er die Eimer stehen lassen müssen. Exakt 1550 Euro bleiben ihm am Ende des Monats – schwierig, von diesem Lohn eine Familie zu ernähren.

Kommandos beim Einweisen festgelegt

Im Faulen Steg am Aawiesenpark wird’s brenzlig: Gerade einmal eine Handbreit Platz ist zwischen den parkenden Autos und der Häuserwand. Der Fahrer eines Paketdienstes signalisiert mit der Lichthupe, er habe es eilig. Bentrup klappt den Seitenspiegel ein und atmet tief durch. Bloß nicht nervös werden. Auf dem kleinen Monitor neben dem Schaltknüppel ist schemenhaft sein Kollege Niclas Froböse zu erkennen, der im dichten Schneegestöber die Drecksarbeit macht und jetzt den Einweiser gibt. Die Kommandos sind genau festgelegt.

Ohne die Rückfahrkamera würde er nicht losfahren, sagt Bentrup. »Wir haben eine riesige Verantwortung. Eigentlich ist das Wahnsinn. Die meisten Straßen in der Innenstadt sind viel zu schmal. Die wurden nicht für so große Lkw geplant. Reinfahren müssen wir trotzdem.« Er ist froh, dass Rückwärtsfahrten bald nur noch die Ausnahme sind. Derzeit werden alle Sackgassen in Herford auf den Prüfstand gestellt.

Die Müllmänner wissen um die traurige Statistik. Jedes Jahr sterben in Deutschland drei bis fünf Menschen, weil sie unter die Räder eines zurücksetzenden Müllwagens geraten. Das letzte Unglück ereignete sich im benachbarten Verl. Am 15. Januar wurde im Stadtteil Kaunitz ein 88-jähriger Rentner tödlich verletzt. »Es ist pures Glück, dass so etwas in Herford noch nicht passiert ist«, sagt Matthias Bentrup und ist erleichtert, als er zurück auf den Betriebshof rollt.

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