Künstler verfolgt Aufstellung seiner Skulptur am Lübbertor Ein Mann will nach oben

Herford (WB). Ob sich der Mann dort oben nicht eine Lungenentzündung hole? Mit amüsierter Besorgnis verfolgt ein Passant die Aufstellung der neuen Skulptur am Lübbertor. Sie zeigt eine Figur, die aus einer Höhe von etwa zehn Metern in die Ferne schaut.

Von Hartmut Horstmann
Fernando Sánchez Castillo (links) ist der neue Stadttorfreund. Marta-Direktor Roland Nachtigäller und Peter Bubig (rechts) freuen sich über das neue Mitglied aus Spanien.
Fernando Sánchez Castillo (links) ist der neue Stadttorfreund. Marta-Direktor Roland Nachtigäller und Peter Bubig (rechts) freuen sich über das neue Mitglied aus Spanien. Foto: Oliver Schwabe

Auch der Künstler Fernando Sánchez Castillo ist dabei, wenn seine Skulptur an ihrem finalen Ort an der Jahnstraße platziert wird. Zwar hat der Spanier mit der technischen Seite der Aufstellung selbst nichts zu tun, doch ist seine Anwesenheit für den ausführenden Architekten Frank Büsing notwendig: »Wir hätten sonst nicht gewusst, in welche Richtung die Figur blicken soll. Das wäre sonst wie Fischen im Trüben

gewesen.«

Entgegen seiner ursprünglichen Planung hat sich Fernando Sánchez Castillo für eine neue Perspektive entschieden. Und zwar blickt die Figur nicht mehr in Richtung Innenstadt, sondern eher zur Seite. »He is a dreamer«, sagt der Künstler, dem ein Freund Modell gestanden hat. Mehr will er nicht verraten. Für die Aussage der Arbeit sei es unerheblich.

»Melilla Mauerspringer« hat der Künstler die Skulptur betitelt – bei Melilla handelt es sich um eine spanische Stadt an der nordafrikanischen Küste. Bekannt sind die Bilder von Menschen, die über die meterhohen Drahtzäune zu klettern versuchen, um nach Europa zu gelangen. Der zweite Teil des Titels spielt auf die Personen an, die nach dem Mauerbau von West- nach Ostberlin kommen wollten, indem sie über die Mauer kletterten – gewissermaßen eine Verschiebung der gewohnten Flucht-Perspektive.

Er spricht von einem Träumer

Wenn Fernando Sánchez Castillo seine Figur vor den ehemaligen Toren der Stadt platziert, will er nicht einfach das Schicksal eines modernen Flüchtlings vor Augen führen. Ihm geht es eher um eine Art Wartezustand – daher spricht er auch von einem Träumer.

Wovon die Träume handeln – auch hier will der Künstler nicht zu viele Interpretationsmöglichkeiten vorwegnehmen. Aber er weiß schon: »Die Menschen träumen von Europa, von der Freiheit, von der Demokratie.«

Wer gehört dazu? Wer gehört nicht dazu? Bevor der Schneefall am Donnerstag dazu führen konnte, dass sich Fernando Sánchez Castillo im winterlichen Herford unwohl fühlte, wurde er Mitglied eines illustren Kreises. »Stadttorfreunde« nennt sich die Gruppe um Manfred Bischoff, der dem Bildhauer einen Schal der »Freunde« überreichte. Er sei nach Dennis Oppenheim der zweite Künstler, der einen solchen Schal erhalte, so Bischoff. Spätestens da wusste Fernando Sánchez Castillo, dass sich der weite Weg nach Herford gelohnt hatte.

Während es zur gestrigen Aufstellung Blasmusik, Glühwein und Schneefall gab, soll die offizielle Einweihung erst im Frühjahr stattfinden. Dann wird auch die Kamera in Betrieb gehen, die an der Skulptur installiert wurde und Teil des künstlerischen Konzeptes ist. Im Internet sehen die Menschen Herford weltweit aus der Perspektive des Mauerspringers.

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