Konzert in Herford – Interview mit dem Bassisten Kai Sichtermann Ton Steine Scherben-Bassist: »Rios Lieder müssen gesungen werden«

Herford (WB). »Keine Macht für Niemand«: Kai Sichtermann, Bassist der Band Ton Steine Scherben, hält die alten Lieder nach wie vor für aktuell. In einem Interview mit Hartmut Horstmann spricht er über Neoliberalismus, Rio Reiser und das Pendeln zwischen Schleswig-Holstein und Berlin. Am 26. November (19 Uhr, Logensaal) ist er in einem Scherben-Konzert in Herford zu erleben.

Kai Sichtermann gehörte zur Anfangsformation der Band Ton Steine Scherben. Soeben ist seine Autobiographie »Vage Sehnsucht« erschienen, am 26. November ist der 66-Jährige mit den alten Scherben-Liedern in Herford zu erleben. Das Konzert im Logensaal beginnt um 19 Uhr.
Kai Sichtermann gehörte zur Anfangsformation der Band Ton Steine Scherben. Soeben ist seine Autobiographie »Vage Sehnsucht« erschienen, am 26. November ist der 66-Jährige mit den alten Scherben-Liedern in Herford zu erleben. Das Konzert im Logensaal beginnt um 19 Uhr.

Wer an die Band Ton Steine Scherben denkt, denkt an Rio Reiser, der 1996 gestorben ist. Funktioniert ein Konzert ohne den alten Sänger und Texter? Ist das nicht wie ein Stones-Auftritt ohne Mick Jagger?

Kai Sichtermann: Rio war wirklich ein außergewöhnlicher Sänger und auf der Bühne eine Persönlichkeit mit großem Charisma. Nach seinem Tod habe ich sogar gedacht, dass ich ohne Rio nie mehr in einer Band spielen kann. Als wir dann 2006 ein Benefizkonzert für unseren Gitarristen Lanrue gaben, hat Marius del Mestre gesungen. Und es hat funktioniert, so dass wir danach von unserem Purismus abgerückt sind. Es ist doch nun einmal so: Rios Lieder müssen gesungen werden. Und die Leute singen mit.

Mit Gymmick haben Sie nun einen Liedermacher aus Nürnberg als Sänger gewonnen. Was spricht für ihn?

Sichtermann: Zuerst einmal ist er ein guter Sänger. Er hat auch schon als Solokünstler Auftritte mit Songs von Ton Steine Scherben und Rio Reiser gehabt. Als wir für unsere jährlichen Dampfertouren in Berlin einen Sänger suchten, haben wir ihn eingeladen und mit ihm geprobt. Und es hat geklappt. Für ihn spricht, dass er als Sänger nicht kopiert, sondern sehr authentisch ist.

Viele Lieder handeln vom Klassenkampf. In einem Song geht es um »Menschenjäger und die Schreibtischtäter, die uns Millionen Mal ermordet haben«: Wirken diese Zeilen heute nicht anachronistisch?

Sichtermann: Nee, finde ich nicht. Wir leben im Neoliberalismus. Der Raubier- und Casinokapitalismus zeigt immer noch seine hässliche Fratze. Da gilt es, dagegen zu halten. Denn leider hat sich seit den 70er Jahren nichts Wesentliches geändert.

Gibt es alte Lieder, die Sie niemals spielen würden?

Sichtermann: Nein, die gibt es nicht. Ich bin im Schnelldurchgang noch mal alle Lieder durchgegangen und habe keines gefunden. Manche Songs mögen technisch etwas schwieriger sein, aber spielbar ist jedes Lied.

Trotz ihrer Szene-Popularität sind die Ton Steine Scherben nie finanziell erfolgreich gewesen. Worin sehen Sie den Hauptgrund dafür?

Sichtermann: Hauptgrund war sicherlich, dass wir nie Mainstream waren. Wir waren immer Subkultur und anders eben. Und in der Gegenkultur war schon das Wort Eintrittspreis verpönt, lieber sprach man vom Solidaritätsbeitrag. Diese Haltung hat seit Ende der 80er Jahre geändert. Heute ist klar, dass auch Künstler bezahlt werden müssen.

Hat sich die Einstellung des Publikums zur Band geändert?

Sichtermann: Wenn ich von den Konzerten ausgehe, so besteht das Publikum zu etwa gleichen Teilen aus alten und jungen Zuhörern. Zwar sind wir keine Oldie-Band, aber ein bisschen Nostalgie schwingt schon mit. Als die Lieder entstanden sind, herrschte ein anderer Zeitgeist als heute. Manche im Publikum sind zu Tränen gerührt, andere recken die Faust und rufen ›Keine Macht für Niemand‹.

Sie haben gerade Ihr Erinnerungsbuch »Vage Sehnsucht« veröffentlicht. In ihm geht es auch um das Pendeln zwischen dem Landleben in Schleswig-Holstein und Berlin. Haben Sie mittlerweile Ihren Lebensmittelpunkt gefunden?

Sichtermann: Na ja, ich pendle weiterhin gerne zwischen den beiden Orten. Berlin ist meine Wahlheimat, hier genieße ich kulturelle Vielfalt und Anonymität. Aber ich bin auch gerne dort, wo ich herkomme. Es ist schön, in Schleswig-Holstein auf dem Land die Ruhe zu genießen. Außerdem wohnt dort meine Familie.

Von Stevie Wonder bis Miles Davis: In Ihrer Biographie nennen Sie immer wieder Namen und Platten, die Sie in bestimmten Phasen begeistert haben. Gibt es eine Lieblingsplatte, die alle Zeiten überdauert hat?

Sichtermann: Ja, gibt es. Von ›Dr. John, The Night-Tripper‹ stammt sie und heißt ›Gris-Gris‹. Die Musik dieser Platte kann ich gar nicht beschreiben, aber sie nutzt sich für mich nie ab. Wenn man mir die Frage nach der einen Platte stellen würde, die ich auf eine Insel mitnehmen dürfte, dann wäre es ›Gris-Gris‹.

Nutzen Sie den Auftritt in Herford auch, um Ihr Buch vorzustellen?

Sichtermann: Nein, wir geben ein reines Konzert. Allerdings haben wir Bücher und CDs dabei, so dass ich nach dem Auftritt Bücher signiere, falls es jemand wünscht.

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