Architektur: Neue Ausstellung in Herford beleuchtet das Wirken des »Vaters des Freischwingers« Marta stellt Mart Stam in den Mittelpunkt

Herford (WB). Wer einfach so verschwindet, macht sich für die Kunstgeschichte interessant. Vorausgesetzt, er ist es wert, wiederentdeckt zu werden. Diese Auszeichnung trifft auf Mart Stam zu, dem das Marta eine Ausstellung widmet.

Von Hartmut Horstmann
Marta-Direktor Roland Nachtigäller neben dem Krag-Stuhl von Mart Stam. Der hinterbeinlose Stuhl aus Stahlrohr wurde später zum federnden Freischwinger weiterentwickelt.
Marta-Direktor Roland Nachtigäller neben dem Krag-Stuhl von Mart Stam. Der hinterbeinlose Stuhl aus Stahlrohr wurde später zum federnden Freischwinger weiterentwickelt. Foto: Horstmann

»Radikaler Modernist – Das Mysterium Mart Stam«: Diesen Titel trägt die Präsentation, die am Sonntag eröffnet wurde. Zu sehen ist sie bis zum 7. Januar. Bei Mart Stam (1899 – 1986) handelte es sich um einen wegweisenden Architekten und Designer, der lange in Vergessenheit geraten war. Um zumindest einen Einblick in Leben und Wirken des gebürtigen Niederländers geben zu können, haben die Ausstellungsmacher einen Parcours mit Dokumenten, Originalplänen, Zitaten und Fotografien entworfen.

Hinzu kommen Architekturmodelle und Exponate – an erster Stelle natürlich auf Stam zurückgehende hinterbeinlose Stuhl aus Stahlrohr. Auch wenn es dem Architekten Mies van der Rohe vorbehalten blieb, der seinerzeit ungewöhnlichen Sitzgelegenheit mehr federnden Schwung zu verleihen, gilt Stam doch als Erfinder dieser Stühle, die heute als Freischwinger bekannt sind.

Zu Lebzeiten aus der Öffentlichkeit zurückgezogen

»Ich kenne keinen Mart Stam«: Dieses an einer Wand zu lesende Zitat von Mart Stam macht den besonderen Kick der Ausstellung deutlich. Es geht darum, einen Menschen posthum zu ehren, der sich zu Lebzeiten aus der Öffentlichkeit konsequent zurückgezogen hat. 20 Jahre lang hatte Stam unter dem Nachnamen Heller mit seiner Frau Olga in der Schweiz gelebt – an verschiedenen Orten in religiöser Abgeschiedenheit.

Der Architekt Mart Stam (1899 – 1986). Foto: Mart-Stam-Archiv

Bereits zu diesem Zeitpunkt konnte der Architekt auf ein Leben zurückblicken, in dem sich die großen Utopien des 20. Jahrhunderts spiegeln. Als Jugendlicher war Stam von den lebensreformerischen Ideen seiner Zeit begeistert, im Ersten Weltkrieg verweigerte er den Kriegsdienst und musste dafür sechs Monate ins Gefängnis.

Durchbruch gelang im Jahr 1927

Als 23-Jähriger begann er in verschiedenen Architekturbüros zu arbeiten. Sein Durchbruch erfolgte im Jahr 1927 mit der wegweisenden Bauausstellung am Stuttgarter Weißenhof. Erstmals wurde ein Entwurf Stams realisiert – auch feierte dort der Kragstuhl als Vorform des Freischwingers seine Wohnzimmer-Premiere.

Zur weltanschaulichen Entschiedenheit des Architekten passt, dass er sich nach einem Sowjetunion-Intermezzo in den Niederlanden im Widerstand engagierte. So habe er in einer Werkstatt Pässe für verfolgte Juden gefälscht, erläutert Marta-Kuratorin Ann Kristin Kreisel.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges glaubte Stam in der Sowjetischen Besatzungszone eine neue Heimat für seine Ideen gefunden zu haben. Folglich wurde er Direktor der Kunstakademie in Dresden. Doch der sozialistische Realismus hielt nicht, was sich ein Modernisierer wie Mart Stam erhoffte. 1952 verließ er die DDR und kehrte nach Amsterdam zurück – bis zum abschließenden Untertauchen in der Schweiz und der damit verbundenen Geburt des Mysteriums.

Kommentare

Diese Diskussion ist geschlossen. Kommentieren ist nicht mehr möglich.