Aus dem Kreis Herford nach Berlin: Die Künstlerin Käthe Kruse erinnert sich Vom Leben in der Mauerstadt

Herford (WB). Berlin, Mauerstadt, Punk und besetzte Häuser: Nicht nur der neue Erfolgsroman von Sven Regener spielt in den 80er Jahren. Auch ein Erinnerungsbuch der Künstlerin Käthe Kruse aus dem Kreis Herford führt zurück in diese Zeit.

Von Hartmut Horstmann
Käthe Kruse, in Kirchlengern aufgewachsen, lebt als Künstlerin in Berlin.
Käthe Kruse, in Kirchlengern aufgewachsen, lebt als Künstlerin in Berlin. Foto: Archivfoto Ashkan Sahihi

Käthe Kruse (59) , die in Kirchlengern aufgewachsen und in Bünde zur Schule gegangen ist, lebt seit Jahrzehnten in Berlin. Noch aus Bünder Zeiten resultiert der Kontakt zu einem Mann, den es ebenfalls in die damals wilde Großstadt verschlagen hatte: Norbert Hähnel. Mit Hähnel, der später als »wahrer Heino« für Schlagzeilen sorgen sollte, wohnte sie einer Wohngemeinschaft. Gemeinsam fuhren sie nach London, doch Kruse erinnert sich: »Nach kurzer Zeit merkte ich, dass das nicht so spannend ist, undzog im Juli 1981 in ein besetztes Haus in der Manteuffelstraße in Kreuzberg ein.«

Der Reiz des Verbotenen

»Lob des Imperfekts« heißt der als E-Book erhältliche Erinnerungsband – und im Rückblick wird deutlich, wie wichtig es für die damals 22-Jährige war, der Enge des Elternhauses in Kirchlengern zu entfliehen. Der Reiz des Verbotenen war groß: Das Hausbesetzerleben sei komplett illegal gewesen. »Wir haben Strom und Wasser geklaut, angezapft von der Straße. Wir haben versucht, über die Post ein Telefon zu bekommen, doch das ging nicht, weil wir in einem besetzten Haus lebten.« 33 Jahre blieb sie in dem Haus, dessen Gemeinschaft sich zu einer Genossenschaft entwickelte, die 1986 legalisiert wurde.

Als schwarzer Engel auf der Bühne

Von der Hausbesetzerin zur Künstlerin: Dass Käthe Kruse in der Berliner Alternativ-Szene eine bekannte Figur wurde, hat ebenfalls mit Norbert Hähnel zu tun. Der lebte jetzt auch in Berlin und organisierte 1981 im SO 36 ein besonderes Weihnachtskonzert, bei dem er den Namen Käthe Kruse einfach aufs Plakat setzte. Die junge Frau nutzte die Gunst der Stunde, verkleidete sich als schwarzer Engel und spuckte Feuer.

Der Auftritt muss beeindruckend gewesen sein, denn sie wurde danach von zwei Musikern angesprochen. Wolfgang Müller und Nikolaus Utermöhlen fragten wegen eines gemeinsamen Auftrittes an – Käthe Kruse stimmte zu und wurde so Schlagzeugerin in der Band »Die Tödliche Doris«, die es später bis zu Auftritten auf der Documenta bringen sollte.

Aufbruchsgeist Anfang der 80er

Wer die Texte und das Interview mit der Künstlerin liest, bekommt einen Eindruck vom Aufbruchsgeist Anfang der 80er. Ideen waren wichtiger als musikalische Fertigkeiten auf der Gitarre – Hauptsache loslegen! Am mittlerweile legendären »Geniale-Dilletanten-Festival« in Berlin nahm die »Tödliche Doris« ebenfalls teil. Zum Einfach-Tun-Selbstverständnis passt der Schreibfehler im Substantiv »Dilletanten«.

Experimentieren ja, aber Beliebigkeit nein: Wie entschieden die Haltung der Musiker sein konnte, erläutert Kruse am Beispiel des Textens: »Wir haben immer zu dritt an diesen Texten rumgefeilt. Manchmal haben wir eine Stunde nur an einem Wort gesessen, bis wir es wirklich so hatten, wie wir es wollten.«

Über die Freude am Dilettantismus kam die Frau aus Kirchlengern zum Studium an der Hochschule der Künste. Seit mehr als 20 Jahren lebt sie in Berlin als freischaffende Künstlerin, arbeitet mit Objekten, dreht Filme, schreibt Texte. Die Bandbreite hält Käthe Kruse gedanklich auf Trab: »Ich langweile mich nie, denn mich beschäftigt immer die Welt.«

Käthe Kruse: Lob des Imperfekts , Musik, Kunst und Wohnen im West-Berlin der 1980er Jahre, E-Book, mikrotext Verlag, 3,99 Euro.

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