Neue Marta-Ausstellung heißt »Risse in der Wirklichkeit« Störungen sind erwünscht

Herford (WB). Ein kaputter Trinkbecher in einer Vitrine: Typischer Fall von Alltagskunst im Museum, denkt der Betrachter. Doch der zweite Blick belehrt ihn eines Besseren.

Von Hartmut Horstmann
Spiel mit der Kunstgeschichte: Diese Arbeit Gavin Turks bezieht sich auf ein Gemälde von Magritte. Kuratiert wird die Ausstellung von Franziska Brückmann.
Spiel mit der Kunstgeschichte: Diese Arbeit Gavin Turks bezieht sich auf ein Gemälde von Magritte. Kuratiert wird die Ausstellung von Franziska Brückmann. Foto: Hartmut Horstmann

»Risse in der Wirklichkeit« heißt die Marta-Ausstellung, in der der vermeintliche Styropor-Becher des britischen Künstler Gavin Turk zu sehen ist. Eröffnet wird sie am Sonntag um 11.30 Uhr.

Teil der Marta-Sammlung

Bei der Präsentation in der ersten Etage des Museums handelt es sich um eine Doppelausstellung. Gezeigt werden Arbeiten von Gavin Turk und Jens Wolf – beide Künstler sind in der Marta-Sammlung vertreten. Da das Museum über keine Dauerausstellung verfügt, ist dies eine Möglichkeit, Arbeiten zu präsentieren, die sonst vor allem im Depot lagern.

Trinkbecher aus Bronze

Je mehr sich Kuratorin Franziska Brückmann mit den Künstlern beschäftigte, desto deutlicher traten Gemeinsamkeiten und Parallelen hervor. So zeichnet beide ein ironisch-kritischer Umgang mit Kunst und Kunstgeschichte aus. Wer zum Beispiel die gezeigten Becher Turks genau betrachtet und die Beschreibung zu den Arbeiten liest, erkennt, dass sie keineswegs aus Styropor hergestellt sind – sondern vielmehr aus Bronze. Bronze stehe in der Kunst für Langlebigkeit, sagt Museumsleiter Roland Nachtigäller. Indem der britische Künstler das edle Material so bemalt, dass es wie billiges Styropor aussieht, dreht er gewissermaßen den bekannten Readymade-Effekt um. Dieser besteht darin, einen Alltagsgegenstand in einen Museumskontext zu stellen.

Spuren der Arbeit zu sehen

Ähnlich sieht es aus bei einem Auspuff, der ebenfalls in einer Vitrine liegt. Auch hier handelt es sich um einen bemalten Bronzeguss, auch hier ist das Resultat nah an der Alltagsrealität. Alltägliches wird nicht Kunst, sondern Kunst wird wie Alltägliches. Wichtig ist aber dabei, dass die Spuren der Bearbeitung bei sehr genauem Hinsehen zu erkennen sind.

Malen auf Sperrholz

Dieses Spiel mit der Unperfektion leitet über zu dem Maler Jens Wolf, der das Unfertige bewusst in seine Bilder integriert. So malt er nicht nur auf billigem Material wie Sperrholz, sondern nutzt einen Untergrund, dessen Kanten teilweise abgesplittert sind. Jens Wolf, ein Vertreter der neuen Abstraktion in der Malerei, bevorzugt geometrische Formen. Diese suggerieren Klarheit – der Maluntergrund hingegen lässt das vermeintlich Klare brüchig erscheinen. Oder unfertig wie die große Wandmalerei, bei der Bleistiftstriche zu erkennen sind.

Roland Nachtigäller spricht von einer schönen und lustvollen Ausstellung, die auf zwei Ebenen funktionieren kann. Die Arbeiten gefallen – und sie stecken für denjenigen, der sich auskennt, voller Bezüge zur Kunstgeschichte.

Die Ausstellung »Risse in der Wirklichkeit – Gavin Turk/Jens Wolf« ist bis zum 25. Juni zu sehen. Ein Begleitheft liegt vor, zur Eröffnung am Sonntag werden beide Künstler erwartet.

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