Steuerberater Stephan Landwehr aus Enger hilft seinen Kunden beim Beantragen von Corona-Hilfen
Eine Flut von neuen Erlassen

Enger (WB) -

Die Coronakrise setzt vielen Branchen gehörig zu. Einer, der die Zahlen und auch die Schicksale dahinter kennt, ist Stephan Landwehr. Der Engeraner Steuerberater kann sich seit einem Jahr vor Arbeit nicht mehr retten. Grund sind die zahlreichen Corona-Hilfen.

Montag, 08.02.2021, 05:05 Uhr aktualisiert: 08.02.2021, 05:10 Uhr
Er ist viel beschäftigt mit dem Beantragen von Corona-Hilfe für seine Mandanten. Steuerberater Stephan Landwehr kann sich, so wie sein kompletter Berufsstand, seit einem Jahr vor Arbeit nicht mehr retten. Das „Tagesgeschäft“ gerät in Verzug. Foto: Daniela Dembert

„Vor allem das Kurzarbeitergeld ist in der Beantragung komplex und ein echter Zeitfresser. Es muss eine Anzeige auf Minderbeschäftigung ans Arbeitsamt gestellt werden, Sätze müssen errechnet werden, Prämien sind zu berücksichtigen etc.“, erzählt Landwehr.

In Stoßzeiten hat die Arbeitswoche des vierfachen Vaters 80 Stunden, selbst zur Geburt seiner Tochter hat er sich lediglich drei Tage frei genommen. Glücklicherweise hielten auch seine zwölf Mitarbeiter zuverlässig und tapfer zur Stange, lobt er.

„Dann rollt bei Ihnen der Rubel ja wenigstens“, ist ein Spruch, den Landwehr und seine Berufskollegen immer wieder zu hören bekommen und so nicht einfach stehen lassen wollen. Profit aus der Krise ziehen? - Fehlanzeige. Das regelmäßige Informieren der Mandanten sei kostenfreier Service.

Steuerberater sehen sich während der Pandemie mit einer Flut von Förderprogrammen und Neuerlassen konfrontiert, mit denen sie sich innerhalb kürzester Zeit vertraut machen müssen, ganz zu schweigen von der für einzelne Berufsgruppen geltenden Spezifik: Soforthilfe, Überbrückungsgeld, Neustarthilfe und Zahlungen nach dem Infektionsschutzgesetz, die bei Quarantäne fällig werden, aber anders als Krankschreibungen behandelt werden.

„Das ganze Einlesen kann ich während meiner Bürozeit gar nicht leisten, ich wäre stundenlang nicht für Mandanten erreichbar. Das mache ich abends im Bett und am Wochenende“, berichtet Stephan Landwehr.

Den Anträgen auf Coronahilfe Priorität einzuräumen bedeute für Steuerbüros, hinten anzustellen, womit sie ihren Hauptumsatz generieren. Stephan Landwehr betont, Mandanten nicht jeden Anruf, jede beratende Leistung in Rechnung zu stellen, schon gar nicht vor dem Hintergrund, dass es bei manchen um die Existenz gehe. „Das ist momentan wirklich kein schönes Gefühl: Menschen sind auf die Staatshilfen angewiesen und brauchen beim Beantragen die Unterstützung ihres Steuerberaters.“

Anfangs habe das Finanzamt mit Unverständnis auf die Verzögerungen bei Jahresabschlüssen reagiert, denn der Umfang dessen, was Steuerberater momentan leisten müssten, sei schlicht nicht bekannt gewesen. Auch den Mandanten habe man die Lage erst erläutern müssen.

Als im Sommer die Überbrückungshilfe II aufgelegt wurde, hat der Steuerberater seinen Urlaub abgebrochen, um Anträge zu schreiben. „Es war klar, 25 Milliarden sind im Topf und wenn der leer ist, gibt es nichts mehr. Da hatte man Angst, die eigenen Mandanten könnten leer ausgehen.“

Ernüchternd sei dann die Änderung der Vergaberichtlinien gewesen, die dazu führte, dass viele Bezieher Rückzahlungen leisten mussten. „Ich kann jeden Mandanten verstehen, der da sauer ist.“ Schließlich steckten hinter den beruflichen Existenzen immer private Schicksale.

Von denen hat Landwehr in den vergangenen Monaten viel erzählt bekommen. Das sei frustrierend und zugleich ein Ansporn, für die Betroffenen „alles rauszuholen, was möglich ist“.

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/7805800?categorypath=%2F2%2F2158585%2F2158590%2F2198384%2F2198393%2F2514624%2F
Linnemann sieht „Systemfehler“
Carsten Linnemann fordert Nachbesserungen bei der Öffnungsstrategie.
Nachrichten-Ticker