„Dachdeckerinnen haben keinen Nachteil“: Sophia Lewe (21) ist nun Gesellin
Frauenpower auf Engers Dächern

Enger (WB). In der Branche wird Sophia Lewe nie gefragt, ob sie es kann. Manche Kollegen wundern sich nur, dass sie es als Frau tatsächlich will: Dachdeckerin sein. Aber weder das Können noch das Wollen waren für Sophia Lewe selbst je Thema. Seit sie als Kind mit ihrem Vater das erste Dach bestiegen hat, stand ihr Berufswunsch fest. Dass sie ihn ausüben kann, hat sie mit ihrer Gesellenprüfung im Sommer bewiesen.

Dienstag, 06.10.2020, 02:00 Uhr
Schon als Kind wollte Sophia Lewe als Dachdeckerin arbeiten, jetzt kann sie es: als frisch geprüfte Gesellin Foto: Jane Escher

Die 21-Jährige ist eine von 100.815 Personen, die im Dachdeckergewerbe arbeiten. Stand 2019 sind nur 1,38 Prozent davon Frauen. In der Innung Herford, schätzt ihr Vater Stefan Lewe, sei der Prozentsatz sogar noch geringer. Das liege nicht am Beruf und sicher nicht an der Eignung der Frauen, davon ist er überzeugt. Wenn er in Schulen informiert, seien oftmals die Mädchen am offensten und tatkräftigsten dabei. „Es wird sich wegen Vorurteilen letztlich gegen den Beruf entschieden“, bedauert der Handwerker.

Wenn Vater und Tochter von ihrer Arbeit erzählen, wird deutlich, dass viele der Vorurteile haltlos sind. Zum Beispiel das Klischee, dass die Arbeit zu schwer für Frauen sei. Denn für die schwersten Handgriffe würden ohnehin Hilfsmittel verwendet, sagt Lewe. Und konnte Stefan Lewe während seiner Ausbildung das Fenster noch allein einbauen, wiegt das Glas heute mehr als doppelt so viel. „Das heben auch männliche Azubis nicht, dafür verwenden wir Maschinen. Die werden von Frauen manchmal sogar geschickter bedient“, schmunzelt der Ausbilder.

Geht bei Schweißarbeiten etwas schief, will auch der Umgang mit dem Feuerlöscher gelernt sein: Die Dachdeckerinnen Sabrina Born (links) und Sophia Lewe probieren es aus.

Geht bei Schweißarbeiten etwas schief, will auch der Umgang mit dem Feuerlöscher gelernt sein: Die Dachdeckerinnen Sabrina Born (links) und Sophia Lewe probieren es aus.

Dachdeckerinnen haben keinen Nachteil. Außerhalb der Branche mag es noch nicht angekommen sein, innerhalb, meint Familie Lewe, ist es den meisten klar. Deswegen wird Sophia Lewe auch von Mitschülern oder Kollegen nie gefragt, ob sie dem gewachsen sei. „Es wird mal nachgehakt, ob ich wirklich lieber auf dem Dach als im Büro arbeiten möchte“, erzählt die Gesellin. „Ist das klargestellt, erfahre ich aber nur Respekt und keine Skepsis“, betont sie. Die Dachdeckerin bestreitet nicht, dass es noch etwas Besonderes ist. Bei der Arbeit sei das aber egal – auch den Kunden. Wer gerne zupackt, frische Luft mag, Wind und Wetter aushält, der hat alles, was man für den Beruf braucht. Da sind sich Vater und Tochter einig.

Auch Sabrina Born lernt in dem Betrieb

Ein Paradebeispiel dafür ist die zweite Auszubildende im Betrieb, Sabrina Born. 2018 lernte sie während eines Schulpraktikums die Dachdeckerei Lewe kennen. „Eigentlich hoffen wir für Praktikanten auf gutes Wetter, bei Sabrina hatten wir das Gegenteil“, erinnert sich Stefan Lewe. Statt aber abgeschreckt zu sein, beeindruckte sie ihren zukünftigen Chef mit wetterfester Einsatzbereitschaft, die ihr den Ausbildungsplatz sicherte.

Der Betrieb Lewe bietet diese Praktika an, und nimmt am Girls’ Day teil, damit auch Mädchen frei von Vorurteilen herausfinden können, ob das Gewerbe etwas für sie ist. Sophia Lewe findet an ihrem Beruf viel Gutes: „Wir fertigen viel noch selbst an. Das Gehalt ist überdurchschnittlich. Außerdem ist es großartig, ein Dach umzudecken, vorher und nachher vergleichen zu können.“ Ihre Begeisterung zeigt, dass es bei der Berufswahl auf das Wollen und Können ankommen sollte. Nicht auf Vorurteile oder das Geschlecht.

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