Landwirtschaftlicher Kreisverband Herford-Bielefeld vermisst Planungssicherheit
„Kunde muss Tierwohl auch bezahlen“

Enger (WB). Ob es nun das Tierwohl ist, der Klimawandel, das Bienensterben oder die Konsequenzen des Corona-Ausbruchs beim Fleischverarbeiter Tönnies: Die heimischen Landwirte müssen sich derzeit zahlreichen Herausforderungen stellen. Was die 1350 Mitglieder des Landwirtschaftlichen Kreisverbandes Herford-Bielefeld umtreibt, schilderte der Vorstand beim jährlichen Erntegespräch.

Freitag, 03.07.2020, 12:02 Uhr aktualisiert: 03.07.2020, 12:10 Uhr
Tierwohl, Insektensterben, Klimawandel: Jochen Höner vom Ortsverein Enger-Spenge (von links) und die Vorstandsmitglieder des Landwirtschaftlichen Kreisverbandes Herford-Bielefeld, Michael Kleimann, Friederieke Detering, Hermann Dedert und Bernd Upmeier zu Belzen, bewegen zahlreiche Themen. Foto: Ruth Matthes

„Wir gehen für das Jahr 2020 von einer durchschnittlichen Ernte aus“, erklärte Vorstandsmitglied Michael Kleimann. Die hohen Niederschläge im Februar hätten die Landwirte bis April gerettet. Der Regen im Mai/Juni habe der Sommeraussaat wie Mais und Kartoffeln nach dem trockenen Frühjahr gut getan. „Für den Hafer kam er leider zu spät.“ Auch die erste Heuernte sei 30 bis 40 Prozent geringer ausgefallen als üblich.

Klimawandel

Positiv bewerten die Landwirte das prognostizierte wechselhafte Wetter in unserer Region. Das Wasserdefizit der Vorjahre sei damit aber noch nicht behoben. „Wir werden uns auf Dauer mit trockenen Frühjahren abfinden müssen“, konstatierte Gastgeber Jochen Höner, Vorsitzender des Ortsvereins Enger-Spenge. Ein Wechsel zwischen Sommer- und Winterge­treide sei empfehlenswert.

Ein Problem, mit dem einige Maisanbauer zu kämpfen haben, ist der Vogelfraß. „Da wir keine so genannten Vergellungsmittel mehr einsetzen dürfen, picken uns die Krähen die frisch gesäten Körner aus der Erde oder reißen die frischen Pflänzchen aus“, beschreibt Vorsitzender Hermann Dedert die Lage. „Einige Kollegen mussten zwei- bis dreimal säen. Bei 350 Euro Pflanzkosten pro Hektar falle da kein Gewinn mehr ab und den Tiere fehle das Futter.

Flächenfraß

Ein altes Problem der Landwirte ist der Flächenfraß. „Vor allem in Bielefeld, wo überall Gewerbe- und Baugebiete entstehen, aber auch im Kreis Herford schrumpft die landwirtschaftliche Fläche immer mehr“, so Dedert. Zum Ausgleich würden Äcker aufgeforstet, was die Fläche weiter reduziere. „Einerseits soll alles möglichst regional angebaut sein und die Landwirtschaft nicht extensiv sein, andererseits ist aber kein Platz dafür da – das passt nicht.“

Der Kreisverband plädiert daher für andere Ausgleichsmaßnahmen wie die Aufwertung bestehender Schutzgebiete. Zu bedenken sei, dass auch auf dem Acker Fotosynthese stattfindet, die CO 2 bindet, sagt Bernd Upmeier zu Belzen.

Insektensterben

Um das Insektensterben zu vermindern, engagieren sich auch die Bauern. So gebe es im Verbandsgebiet bereits 84 Betriebe mit Blüh- und Schonstreifen, 40 mit Uferrand- und Erosionsschutzstreifen. „Es könnten mehr sein, doch die bürokratischen Hemmnissen, die mit den Agrarumweltmaßnahmen einhergehen sind groß“, sagt Dedert.

„Wir sind ein Berufszweig, der von allen Seiten mit Auflagen und Vorschriften versorgt wird, die sich leider teilweise auch widersprechen“, hat Schweinemästerin und Ferkelerzeugerin Friederike Detering erlebt. Wolle man zum Beispiel im Sinne des Tierwohls einen Stall erweitern, könne das baurechtliche Probleme geben, ganz abgesehen von ständig variierenden Vorgaben. „Um zu investieren brauche ich aber Sicherheit auf längere Sicht“, erklärt sie. „Und ich muss meine Kosten an die Verbraucher weitergeben können.“ Diese forderten zwar Tierwohl, wollten aber keine höheren Preise zahlen. Doch wer investiere schon, wenn sich das nicht lohne? Hier müsse ein Umdenken in der Bevölkerung stattfinden.

Corona-Folgen

Geschäftsführer Dr. Herbert Quakernack sieht die Lösung in weltweit gültigen Nachhaltigkeitskriterien. „Dann könnte das teure Hähnchen aus Deutschland auch nicht mehr durch ein billiges, schlecht gehaltenes aus Brasilien ersetzt werden.“

Die Fleischproduzenten merkten zudem immer stärker die Schließung des Fleischverarbeiters Tönnies. „Dessen Lieferanten müssen nun auf andere Schlachthöfe ausweichen, die für das Fleisch aber dann allen weniger zahlen“, erklärt Detering. „Das Angebot ist ja groß.“

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