Zum Abschied von Michael Hellwig: literarische Reise durch 38 Jahre „Rumpelstilzchen“ Schreiben verbindet

Enger (WB). „Er ist der Mann mit dem Bleistift, der nicht korrigiert, sondern kommentiert.“ Annette Gater-Smith zitiert, was ein ehemaliger Schüler Michael Hellwigs über den jahrzehntelangen Leiter des „Rumpelstilzchen“-Literaturprojekts am Widukind-Gymnasium (WGE) gesagt hat.

Von Daniela Dembert
Michael Hellwig (mit Mikro) mit aktuellen und ehemaligen Autoren des Rumpelstilzchen-Literaturprojektes bei der Lesung im Gerbereimuseum.
Michael Hellwig (mit Mikro) mit aktuellen und ehemaligen Autoren des Rumpelstilzchen-Literaturprojektes bei der Lesung im Gerbereimuseum. Foto: Daniela Dembert

Damit setzte die Lehrerkollegin den Schlusspunkt eines Abends, der für die meisten der fast 80 Anwesenden wie eine Zeitreise gewesen sein dürfte.

In der Galerie der Gerberei haben sich aktive und ehemalige Autoren der Schreibwerkstatt getroffen, um unter dem Motto „Rumpelstilzchen rockt in Rente“ den Ruhestand ihres Projektleiters zu feiern. Wenn Hellwig nach gut 38 Jahren jetzt die Leitung der Schreibwerkstatt – zumindest am WGE – niederlegt, ist das ein Grund, auf die erfolgreiche Geschichte anzustoßen, aber auch ein Moment der Melancholie.

Gründungsmitglied gibt den Auftakt

Die Stimmung war gut, verschmitzt nostalgisch und vielleicht ein bisschen wehmütig. Das zeugte von der gegenseitigen Wertschätzung der Autoren.

Den Auftakt zur Lesung gab Kordula Schimke als Gründungsmitglied des Projektes. „Beim Durchschauen meiner alten Texte dachte ich: Davon willst du auf keinen Fall etwas lesen“, gesteht Schimke eingangs.

Zu viele Jahre seien vergangen, die Texte passten nicht mehr zur Lebenssituation. Entschieden hat sich die Autorin dann doch für einen ihrer frühen Texte, ein witziges, modernes Märchen, in dem Derrick, Rockford, Starsky und Hutch gemeinsam ermitteln.

Ähnlich wie Schimke erging es vielen der Autoren. Einige verlasen daher überarbeitete Versionen oder gleich frisch Verfasstes. So auch Malte Borowiack, der über eine Deutschstunde heutiger Tage feixte.

„Es ist schon etwas Bewegendes, heute hier zu sein“, leitete Reinhard Ellsel seinen Lesepart ein. Der publizierende Pfarrer gehört zu den heute auflagenstärksten Autoren des „Rumpelstilzchen“-Projekts und las ein 36 Jahre altes Gedicht, das er aus einem traurigen Anlass verfasst hatte: dem Suizid eines Mitschülers. „Keine Lyren ohne Leiden“ – mit diesem Spruch fasste Ellsel den Antrieb vieler der Autoren zusammen, denen das Schreiben Halt und Ventil in unwegsamen Zeiten war und ist – dazu darf die Pubertät in jedem Fall gezählt werden.

Opulente Wortfluten und ausgefeilte Metaphorik

Anders bei André Schröder: „Ich habe eher geschrieben, wenn ich glücklich oder in emotionaler Aufruhr war“, sagte dieser und trat mit einem Liebesgedicht an.

Als Reminiszenz aus fast vier Jahrzehnten stießen an diesem Abend opulente Wortfluten und ausgefeilte Metaphorik auf nüchterne Alltagsbetrachtungen und nostalgisch verklärte Erinnerungen.

Einen der emotionalen Höhepunkte lieferten Melanie Babenhauserheide und Anna Bella Eschengerd mit einem Geschenk an Michael Hellwig; einem gemeinsam mit anderen Autoren erarbeiteten Buch. „Ver(w)ortungen“ heißt das Werk, das im Bielefelder Aisthesis Verlag erschienen ist und neben alten und neuen Texten auch Interviews und Resümees über die Bedeutung des Projekts für den Werdegang der Autoren enthält und als wissenschaftliches Werk über Schreibwerkstätten zu betrachten ist.

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