Dreyener Kulturdeele bring nicht-kommerzielle Kultur ins Widukind-Museum
Von Kästner bis zum russischen Ballett

Enger (WB). Sie haben den Sprung gewagt und sich von der beschaulich ofenwarmen Deele mitten auf dem Dreyener Acker auf Welttournee begeben: Wera Kiesewalter, Holger Grabbe, Martin Kottkamp und Tobin Wittemeier gastierten zum Auftakt ihrer Revue-Reise mit der »Bar zum Krokodil« am Wochenende im Widukind-Museum Enger.

Sonntag, 03.03.2019, 21:02 Uhr aktualisiert: 03.03.2019, 21:30 Uhr
Kleine, russische Balletteinlage: Martin Kottkamp und Holger Grabbe (rechts) schwingen das Tanzbein zu »Stroganoff«, gesungen von Wera Kiesewalter. Das Publikum im Widukind-Museum ist begeistert und klatscht im Takt mit. Foto: Daniela Dembert

Mit Chansons und Dichtungen der 20er und 30er Jahre unterhielt das Quartett, das seine Vorliebe für den bissigen Satiriker Erich Kästner ebenso wenig leugnen kann wie die Affinität für Friedrich Hollaenders umfassendes Werk.

Ständig am Puls der Zeit

Den Zeitgeist der Glanzjahre des deutschen Kabaretts haben die vier mit ihrer Programmauswahl gekonnt in Szene gesetzt. Während es in den Gedichten des seefahrenden Poeten Joachim Ringelnatz eher ironisch humorig zugeht, sind die auserwählten Texte Kästners schon böser.

An den so genannten »Klassefrauen«, die sich ständig am Puls der Zeit wähnen und kopflos jeder Mode frönen, lässt der Dichter kein gutes Haar. Weniger sarkastisch, dafür erschlagend nüchtern ist Kästners »Sachliche Romanze«, in der er das Ende einer Beziehung beschreibt. Grabbe und Kiesewalter bieten als Ehepaar, das sich gegenüber sitzt mit nichts als wortloser Leere, zusammen ein tragisches Bild.

Frauen und ihre Affären

Lustig, wenn auch nicht besonders appetitlich wird’s, als die pelzbemützte Wera Kiesewalter, rasant von Tobin Wittemeier am Klavier begleitet, mit russischem Akzent erzählt, wie es zur Kreation des berühmten »Stroganoff« kam. »Hollaender spielt zur Zeit des Kalten Krieges gekonnt mit den Vorurteilen seiner Landsleute über den Ostblock«, erläutert Kottkamp. Zur Erinnerung: Bis Ende der 1980er Jahre standen sich die Atom-Weltmächte USA und UdSSR (ehemalige Sowjetunion) spinnefeind gegenüber.

Provokant formulierte Alfred Grünwald 1932 das Chanson »Warum soll eine Frau kein Verhältnis haben?«. Die Errungenschaften der Frauenbewegung in allen Ehren, weißt das Lied doch auf eine bis heute etablierte Denke hin: wechselnde Affären schicken sich für Frauen nicht.

»Manche Texte haben heute für uns einen neuen, anderen Sinn«, gibt Holger Grabbe zu bedenken. Die zeitgeschichtliche Bedeutung der Werke lassen die Hobbymimen zwar nicht außer Acht, behalten sich aber eine künstlerische Freiheit vor: »Wir tragen die Sachen so vor, wie wir sie interpretieren, wollen sie gar nicht kopieren«, betont Grabbe.

Wittemeier als »Chopin«

Und so sind dann auch viele der Stücke freie Nachempfindungen der Originale, arrangiert von »Engers Chopin«, wie Kottkamp den Kollegen Wittemeier am Klavier nennt.

Das 60-köpfige Publikum fühlte sich bestens unterhalten und geizte nicht mit Applaus. Neben einem runden Programm hat das Quartett vor allem eines erreicht: »Wir haben unsere Vorstellung von nicht-kommerzieller Kultur ins Museum gebracht«, erklärt Holger Grabbe. Die Hobbymimen zeigen: Es muss nicht alles hochglanzpoliert sein, um Wirkung und Intensität zu erzielen. Jeder darf sich berufen fühlen, Kultur zu machen. Wer’s verpasst hat, kann die Bar zum Krokodil am Freitag, 15. März, um 19.30 Uhr noch mal in Engers Stadtbücherei erleben.

Kommentare

Diese Diskussion ist geschlossen. Kommentieren ist nicht mehr möglich.
 
https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/6439926?categorypath=%2F2%2F2158585%2F2158590%2F2198384%2F2198393%2F2514624%2F
Dauerkarten-Verkauf beginnt an diesem Donnerstag
Die Bielefelder Alm. Foto: Thomas F. Starke
Nachrichten-Ticker