Lesung am WGE: Zeitzeugin (97) berichtet von Reichspogromnacht 1938
Schüler gegen Antisemitismus

Enger (WB/lb). Die Schüler des Widukind-Gymnasiums Enger haben ein Zeichen gegen Antisemitismus gesetzt: Bei der Lesung aus dem Buch »Adressat unbekannt« von Kathrine Kressmann Taylor haben die Elftklässler die Ergebnisse ihrer Forschung präsentiert. In einem Projektkurs sind sie auf Spurensuche von Opfern des NS-Regimes aus Enger gegangen.

Donnerstag, 07.02.2019, 18:00 Uhr
Irith Michelsohn (vorne) lobt die Schüler des Widukind-Gymnasiums Enger.

Bei der Lesung anwesend waren auch Irith Michelsohn, Vorsitzende der Jüdischen Kultusgemeinde Bielefeld und Generalsekretärin der Union Progressiver Juden in Deutschland, sowie die 97-jährige Zeitzeugin Anne Hellwig aus Bünde.

Die 97-Jährige berichtete den Besuchern in der Aula des WGE von ihren Erinnerungen an die NS-Zeit. Genauer: an die Reichspogromnacht im November des Jahres 1938.

Berichte aus der Reichspogromnacht

Ihr Vater war damals Wehrführer der Feuerwehr Bünde, wie sie erzählte. In der Nacht vom 9. auf den 10. November wurde die Feuerwehr gerufen – »weil die Synagoge und ein Textilgeschäft brannten«, sagt Anne Hellwig. Bei dem Versuch, den Brand zu löschen, sei die Feuerwehr von SS-Leuten beschimpft worden, ihrem Vater wurde außerdem gedroht.

»Das alles ist mir noch so in Erinnerung geblieben, als wäre es erst heute passiert«, sagte die Zeitzeugin. Außerdem berichtete sie von ihrer Studienzeit: Fast sei sie nicht zur Abschlussprüfung zugelassen worden – weil sie kein Mitglied der NSDAP war.

Die Geschichte zweier Freunde

Die Schüler Philipp Baumhöfner und Hanna Wacker sowie Philipp Wandelt und Amelie Becker lasen zuvor aus dem Briefroman »Adressat unbekannt«. Im Wechsel wurden die Nachrichten der Freunde Martin Schulse und dem Juden Max Eisenstein vorgetragen. Beide haben gemeinsam in Amerika eine Kunstgalerie geleitet, Schulse entschloss sich jedoch, nach Deutschland zurückzukehren.

Während die beiden noch zu Beginn des Briefwechsels, im Jahr 1932, eine tiefe Freundschaft verband, änderte sich mit der Zeit nicht nur die politische Lage in Deutschland, sondern auch die Einstellung Schulses gegenüber dem Juden Max Eisenstein. Beteuerte Schulse so anfangs noch seine Skepsis gegenüber Adolf Hitler, wurde im Lauf der Geschichte klar, dass die Ideologie und antisemitische Hetze ihn überzeugt hat.

Für ihre Lesung ernteten die Schüler nicht nur eine Menge Applaus, sondern auch Anerkennung von Irith Michelsohn. Die Recherche-Ergebnisse der Schüler werden am Gymnasium weiterhin ausgestellt.

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