Trotz Lockdown und Corona: Hospizgruppe begleitet Sterbende zu Hause, im Krankenhaus oder Seniorenheim
„Manchmal hören wir laute Musik“

Bünde/Enger/Spenge (WB). -

Reden, vorlesen, schweigen und manchmal auch richtig laute Musik hören: Hospizarbeit am Bett eines Sterbenden kann sehr vielseitig sein. Reinhard Krutz begleitet seit zwei Jahren ehrenamtlich Menschen, die den Tod vor Augen haben. „Eine bestimmte Vorgehensweise bei den Besuchen gibt es nicht. Man muss auf sein Gefühl hören. Manchmal reicht es, einfach da zu sein“, sagt der 57-Jährige, der kaufmännischer Angestellter von Beruf ist.

Mittwoch, 09.12.2020, 05:45 Uhr aktualisiert: 09.12.2020, 08:44 Uhr
Die Ehrenamtlichen der Hospizgruppe besuchen Sterbende zu Hause, im Krankenhaus oder in Seniorenheimen. Foto: dpa/Oliver Berg

Einmal hat er einen Mann betreut – der war unter 50 Jahre. „Wir haben kaum über das Sterben gesprochen, haben laut Musik gehört. Neue Deutsche Welle. Und über diese Zeit geredet“, erzählt Krutz. Ein anderer konnte auf Grund einer Krebserkrankung nicht mehr sprechen. „Ich habe bei ihm gesessen und gelesen, eigentlich für mich, aber habe es laut getan.“ Wenn Reinhard Krutz einen Sterbenden begleitet, ist er im Schnitt einmal in der Woche dort – für ein bis zwei Stunden.

„Uns ist es wichtig, dass die Betroffenen und deren Angehörige wissen, dass wir auch im Lockdown in der Corona-Zeit im Einsatz sind“, sagt Petra Vogt, die die Gruppe aus Ehrenamtlichen – 35 Frauen und vier Männer im Alter von 57 bis 82 Jahren – koordiniert. Die Ehrenamtlichen begleiten vor allem Sterbende zu Hause, aber auch im Krankenhaus und in Senioreneinrichtungen. „Im privaten Bereich dient unsere Arbeit vor allem als Unterstützung für die Angehörigen. Wir sind beim Sterbenden und geben den Angehörigen Raum für Besorgungen oder – noch wichtiger – Zeit für sich selber“, erklärt Vogt. Sie und ihre Kollegin Gisela Sauerland sind immer die ersten, die einen Sterbenden aufsuchen. „Im Gespräch weiß ich ziemlich schnell, wer der passende Ehrenamtliche für diese Person sein könnte“, erklärt Vogt.

In den Senioreneinrichtungen melden sich zwar auch Angehörige von Betroffenen, öfter aber sind es die Mitarbeiter. „Sie sagen dann, dass jemand sich mehr Betreuung und Besuche wünscht, als das Heim oder die Verwandten leisten können. Dann kümmern wir uns um diese Menschen“, sagt Vogt.

Es kommt vor, dass Sterbenskranke auch nachts eine Begleitung brauchen. „Dann teilen wir die Zeit auf und zwei unterschiedliche Ehrenamtliche kommen“, berichtet Vogt. Nicht alle Mitarbeiter kommen für so intensive Arbeit in Frage – wer beispielsweise berufstätig ist, scheidet bei Nachtdiensten in der Woche aus. Unter den Engagierten sind auch solche, die als Corona-Risikopatienten gelten. Sie entscheiden individuell, ob sie ihre Arbeit im Moment fortführen.

Aktuell hat die Gruppe gut 40 Mitglieder, die im Jahr etwa 70 Sterbende begleiten. Es gibt aber immer mal wieder Fluktuation. Daher wird einmal im Jahr ein Kurs angeboten, bei dem bis zu zwölf Interessenten auf die Hospizarbeit vorbereitet werden.

Doch warum entscheiden sich Bürger, diese eher schwere Aufgabe zu übernehmen? Reinhard Krutz: „Das Sterben ist immer noch ein Tabuthema, etwas, mit dem man sich lange Zeit seines Lebens nicht befasst. In meinem Umfeld waren Eltern, Onkel und Tanten inzwischen 90 Jahre, mir war klar, dass das Thema immer präsenter wird.“ Zwei Jahre arbeitet er nun in der Hospizgruppe mit. Seine Einstellung zum Tod habe sich geändert. „Das Sterben kann ein längerer Prozess sein, der mit dem Tod endet. Das war mir gar nicht so bewusst“, so Krutz. Genauso wenig habe er geahnt, wie gefasst manche mit dem Thema Sterben umgehen. Manchmal gehe es ganz schnell. „Da war der Kranke am Tag meines Besuchs noch stabil. Dann kommt der Anruf von Petra Vogt und sie sagt: Wenn du den Mann noch einmal sehen möchtest, musst du bald ins Krankenhaus fahren. Es ist ernst.“

Es ist keine ganz einfache Arbeit bei der Hospizgruppe. „Es ist aber schon etwas ganz anderes als bei der eigenen Familie oder bei Freunden. Schließlich trete ich erst ganz am Ende ins Leben der betroffenen Menschen“, sagt Krutz. Das bringe etwas Distanz. Natürlich gebe es auch traurige, bewegende Momente. „Da habe ich auch schon geweint“, sagt er.

Die Mitglieder der Hospizgruppe tauschen sich in regelmäßigen Gesprächsrunden aus – derzeit ist das wegen der Pandemie allerdings nicht so einfach möglich. „Natürlich nimmt man auch mal etwas mit nach Hause. Dann rede ich mit meiner Frau darüber“, sagt Krutz. Namen nennt er dabei nicht. Hospizmitarbeiter haben Schweigepflicht.

Aktuell geht gerade ein Kurs zur Vorbereitung auf die Arbeit in der Hospizgruppe zu Ende. Er umfasst 100 Stunden. Ein weiterer ist für März geplant – sofern die Corona-Pandemie das zulässt. Informationen zur Gruppe, die für Bünde, Rödinghausen, Kirchlengern, Enger, Spenge und Teile von Hiddenhausen zuständig ist, gibt es im Internet oder bei den Koordinatorinnen Petra Vogt und Gisela Sauerland unter 05223/167383 oder 05223/167738. www.hospizgruppe-buende.de

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