Dr. Emma (81) auf humanitärer Mission im Kongo – Neunköpfiges Team leistet medizinische Hilfe
„Corona spielt kaum eine Rolle“

Bünde (WB). -

Während die Corona-Pandemie die Diskussion in Deutschland beherrscht und die Regierung versucht, mittels eines erneuten Lockdowns die Ausbreitung unter Kontrolle zu bringen, spielt dieses Thema im Kongo bestenfalls eine untergeordnete Rolle. Diese Erfahrung macht nun Dr. Theophylaktos Emmanouilidis (81).

Der ehemalige Chefarzt des Bünder Lukas-Krankenhauses leistete mit einem achtköpfigen Team in der zentralafrikanischen Republik humanitäre und medizinische Hilfe.

Montag, 07.12.2020, 05:30 Uhr
Nicht nur medizinische Hilfe leistete das Ärzteteam um Dr. Emma (links) in Kikwit. Auch zwei Waisenhäuser wurden mit Lebensmitteln versorgt.

Die Hilfsorganisation Hammer Forum unterhält seit einigen Jahren am Universitätskrankenhaus der Stadt Kikwit (etwa 400.000 Einwohner) eine eigene Kinderambulanz. Sie war Ziel des Teams.Für Dr. Emma – so nennen ihn die Bünder – war es der erste Einsatz nach Beginn der Corona-Pandemie. Während der Chirurg ansonsten regelmäßig medizinische Hilfe in Westafrika leistet, musste er in den vergangenen Monaten eine Zwangspause einlegen. „Seit dem ersten Lockdown im März haben wir neun bereits geplante Einsätze absagen müssen“, informiert der Mediziner, der auch Vorsitzender des Hammer-Forums ist.

Warum nun die Reise nach Afrika? „Ich habe viele Bekannte in Westafrika, außerdem hat das Hammer-Forum einen Projektleiter vor Ort. Alle haben mir bestätigt, dass es in Afrika deutlich weniger Corona-Infektionen als hier bei uns gibt.“ Vor Antritt der Reise hätten sich alle Teilnehmer auf Corona testen lassen – mit negativem Ergebnis. „Außerdem haben wir in Kauf genommen, dass wir bei unserer Rückkehr möglicherweise in Quarantäne müssen.“ Die berufstätigen Mitglieder seines Teams seien deshalb sicherheitshalber schon nach einer Woche abgereist, obwohl sie sich zwei Wochen Urlaub genommen hätten. „Ich bin Rentner, da spielt es keine Rolle, ob ich anschließend sieben Tage zuhause in Quarantäne bin“, so Dr. Emma. Er sei deshalb die ganzen zwei Wochen vor Ort geblieben.

Nach der Ankunft in Kinshasa wurden alle ausländische Fluggäste erneut auf eine Corona-Infektion getestet. Kostenpunkt: 45 US-Dollar pro Person. Das Ergebnis sei aber nur einigen wenigen mitgeteilt worden. „Ich gehe davon aus, dass die Beamten vor Ort sich einfach etwas dazu verdienen wollten“, sagt Dr. Emma. Am nächsten Tag sei es per Auto weiter in das etwa 520 Kilometer entfernte Kikwit gegangen. Auf der Strecke seien sie elfmal von Polizisten angehalten und kontrolliert worden. „Alle forderten richtig aggressiv Geld von uns, damit sie sich davon Lebensmittel kaufen können.“ Seine Vermutung: Der kongolesische Staat zahlt den Beamten keine Gehälter mehr. Corona, so der ehemalige Chefarzt, sei im Kongo eher ein wirtschaftliches als ein medizinisches Problem. Die Virusinfektion spiele im zentralafrikanischen Land kaum eine Rolle. Seine Einschätzung der medizinischen Lage hat er als Brief an Bundesgesundheitsminister Jens Spahn und das Robert-Koch-Institut geschickt.

Nachdem das medizinische Team nachmittags in Kikwit eingetroffen war, wurden auch gleich die ersten Kinder untersucht. Insgesamt habe man während des Aufenthaltes 461 Mädchen und Jungen untersucht und 155 von ihnen operiert. Viele Kinder seien unterernährt, so Dr. Emma. Die Universitätsklinik selber habe bei den Gästen aus Europa einen sehr schlechten Eindruck hinterlassen. „Seit 2007 arbeiten wir hier. Und in all den Jahren ist kein Cent investiert worden. Alles wirkt heruntergekommen.“ Es gebe kein fließendes Wasser, keine funktionierenden Klimaanlagen und medizinischen Geräte, in den OP-Lampen würde nur eine von 14 Birnen brennen.

Was die Ausstattung betreffe, wolle man künftig unabhängiger vom Krankenhaus werden. „Im nächsten Mai fliegt ein sechsköpfiges Team hierher und wird alles renovieren.“ In einem Container haben man vor Ort schon eine Photovoltaikanlage, einen Stromgenerator, Klimaanlagen sowie Elektroinstallationsmaterial gelagert. „Während unseres Aufenthaltes im November mussten wir teilweise im Licht von Taschenlampen operieren.“

Personell sei das Krankenhaus auf den ersten Blick sehr gut ausgestattet. Es gebe 115 Ärzte, die im Schnitt 80 stationäre Patienten behandeln würden. Allerdings: Die Ärzte hätten zwar alle Medizin studiert – „aber jede Krankenschwester in Deutschland weiß mehr von Medizin“, so das Urteil von Dr. Emma. Man könne den Ärzten dabei nicht einmal einen Vorwurf machen. „Sie selbst sind absolut nicht zufrieden mit dem, was sie an der Universität gelernt haben. Wenige Vorlesungen finden statt, und diese sind auch noch mangelhaft, wie mir Kollegen sagten.“ Auch die Bezahlung der einheimischen Ärzte – wenn das Gehalt überhaupt einmal kommen würde – sei schlecht. „Viele arbeiten deshalb nebenher in privaten Gesundheitszentren, um etwas dazu zu verdienen.“

Was ihn beeindruckt habe, sei die unendliche Geduld der Menschen. „Mütter sind mit ihren Kindern teilweise von weither gekommen, um sie von uns untersuchen zu lassen. Aufgrund des großen Andrangs haben sie stunden- und auch tagelang warten müssen – und das alles, ohne zu murren.“

Während seines Aufenthaltes in Kikwit sei ihm kein Fall von Corona untergekommen. „Hätte jemand die Symptome aufgewiesen, wäre er ja zu uns gekommen, weil wir die Menschen umsonst behandeln.“Und wohin führt die nächste Reise des Arztes? Eigentlich hätte es noch in diesem Monat Richtung Somali-Land gehen sollen. „Aber unser Übersetzer hat abgesagt.“ Deshalb fliege er erst wieder im Januar Richtung Afrika – diesmalnach Guinea-Bissau.

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