Arzt-Haftpflicht zahlt Frau aus Bünde 510.000 Euro
Mit 31 Jahren nach Fehldiagnose gelähmt

Bünde -

Eine Frau aus Bünde sitzt querschnittgelähmt im Rollstuhl, weil ein schwerer Krankheitsschub 2014 irrtümlich als grippaler Infekt diagnostiziert worden war. Die Haftpflichtversicherung der Klinik einigte sich jetzt vor dem Landgericht Bielefeld mit der heute 37 Jahre alten Patientin und wird 510.000 Euro zahlen.

Samstag, 07.11.2020, 05:00 Uhr
Die rechtzeitige Diagnose eines schweren Krankheitsschubs hätte eine Frau aus Bünde vor dem Rollstuhl bewahrt. Foto: imago

Eine Frau aus Bünde sitzt querschnittgelähmt im Rollstuhl, weil ein schwerer Krankheitsschub 2014 irrtümlich als grippaler Infekt diagnostiziert worden war. Die Haftpflichtversicherung der Klinik einigte sich jetzt vor dem Landgericht Bielefeld mit der heute 37 Jahre alten Patientin und wird 510.000 Euro zahlen.

Schon vor Jahren wurde bei der Frau eine Mischkollagenose festgestellt – eine Autoimmunerkrankung unbekannter Ursache, die vor allem Menschen unter 30 trifft. Typische Symptome sind Entzündungen der Gelenke, geschwollene Hände, Kurzatmigkeit und Muskelschwäche. Die Frau bekam eine Cortison-Dauertherapie und musste auch noch andere Medikamente nehmen. Erika Leimkühler, Fachanwältin für Medizin- und Versicherungsrecht aus Herford: „Meine Mandantin konnte trotz Krankheit ein normales Leben führen. Sie schloss ein Studium ab und arbeitete in Vollzeit.“

Weil die Bünderin mit ihrem Partner eine Familie gründen wollte, setzte sie Ende 2013 das Medikament Quensyl ab. Das Mittel ist ein Entzündungshemmer, der bei Autoimmunerkrankungen eingesetzt wird, aber in der Schwangerschaft wegen der Gefahr von Fehlbildungen und Erbgutschädigungen nicht genommen werden darf.

Um sich medikamentös neu einstellen zu lassen, ging die Frau am 16. Januar 2014 in eine Rheumaklinik. Erika Leimkühler: „Schon am Aufnahmetag bekam sie Fieber und Schweißausbrüche. In der Nacht stieg das Fieber auf 40 Grad, und es kamen Übelkeit, Erbrechen und Schwindel dazu.“ Die Klinik habe in Rücksprache mit einem HNO-Arzt eine Hirnhautentzündung ausgeschlossen und sei von einem grippalen Infekt ausgegangen. Doch der Zustand habe sich in den folgenden Tagen verschlechtert, sagt die Anwältin. „Die Frau hatte Lähmungserscheinungen und wahnsinnige Kopfschmerzen, und sie konnte ihre Blase nicht mehr entleeren. Deshalb wurde ihr ein Katheter gelegt.“ Sie sei so schwach gewesen, dass ihre Mutter sie in einen Rollstuhl gesetzt habe. Am 24. Januar habe ihre Mandantin den linken Fuß nicht mehr koordinieren können, und einen Tag später sei sie vom Bauchnabel abwärts gelähmt gewesen.

Die Frau wurde in die Neurologie des Klinikums Minden verlegt. Dort diagnostizierten Ärzte eine Lähmung von den Brustwirbeln abwärts und nahmen als Auslöser einen „systemischen Lupus-Schub“ an. Das zentrale Nervensystem der Frau war stark entzündet. Sie bekam eine Stoßtherapie mit hochdosiertem Kortison, doch es war zu spät – die Lähmung bildete sich nicht mehr zurück.

Die Frau ist auf Dauer auf einen Rollstuhl angewiesen und muss mit künstlichen Ausgängen des Darms und der Blase leben. Sie wandte sich zunächst an die Gutachterkommission der Ärztekammer Westfalen-Lippe in Münster, die einen groben Behandlungsfehler feststellte. Doch die Leiterin der Klinik beharrte darauf, die Symptome seien unspezifisch gewesen und hätten für einen grippalen Infekt gesprochen. Die Patientin reichte deshalb Klage beim Landgericht Bielefeld ein.

Das Gericht beauftragte Professor Torsten Witte, den Chef der Rheumatologie an der Medizinischen Hochschule Hannover, mit einem Gutachten. In der Verhandlung widersprach der Arzt der Auffassung der Klinikleiterin. Weil die Patientin bekannterweise kurz vorher Quensyl abgesetzt habe, hätte man unbedingt an einen Kollagenoseschub denken müssen, sagte er. „Allerspätestens, als es zu dem Harnverhalt kam.“ Beim Absetzen solcher Medikamente sei in den ersten sechs Wochen ein Krankheitsschub mit Fieber zu erwarten.

Die Parteien schlossen daraufhin einen gerichtlichen Vergleich. Die Patientin bekommt 360.000 Euro Schmerzensgeld, 100.000 Euro für Haushaltsführungskosten und 50.000 Euro Verdienstausfall.

360.000 Euro – das ist eines der höchsten Schmerzensgelder, die bisher vor der 4. Zivilkammer des Landgerichts erstritten wurden. „Aber das Geld bringt meiner Mandantin nicht ihr altes Leben zurück“, sagt Erika Leimkühler. „Alleine ein behindertengerechtes Wohnumfeld kostet schon ein kleines Vermögen.“

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