62-Jähriger soll zu stark gebremst haben – Verhandlung endet mit Freispruch
Frau (88) stürzt im Bus: Fahrer angeklagt

Bünde (WB). Dieser Vorfall im Bünder Stadtbus hatte juristische Folgen: Weil eine gehbehinderte 88-Jährige nach einer angeblich heftigen Vollbremsung stürzte und sich schwere Verletzungen zuzog, musste sich der Fahrer vor Gericht verantworten. Allerdings endete die Verhandlung mit einem Freispruch. Die Staatsanwaltschaft warf dem Bielefelder (62) am Montagmorgen fahrlässige Körperverletzung im Straßenverkehr vor.

Montag, 05.10.2020, 20:00 Uhr aktualisiert: 05.10.2020, 21:48 Uhr
Unstrittig ist, dass die Frau in einem Stadtbus in Bünde gestürzt ist. Strafbares Verhalten sei beim Busfahrer aber nicht zu erkennen, entschied jetzt das Gericht. Foto: Daniel Salmon (Symbolbild)

Zugetragen hatte sich der Sturz der alten Dame, die während des etwa 90-minütigen Prozesses als Nebenklägerin auftrat, zur Mittagszeit am 12. August vergangenen Jahres. Was feststand: Die Rentnerin musste an diesem Tag mit einem Rettungswagen in Krankenhaus gebracht werden. Sie hatte sich eine Handfraktur zugezogen und die Wirbelsäule geprellt. „Ich musste acht Tage in der Klinik bleiben“, sagte die Senioren, die auf einen Rollator angewiesen ist. Unklar war, warum sie stürzte und ob der Busfahrer im Vorfeld seine Sorgfaltspflicht verletzt hatte.

Das sagt der Fahrer

Nach Aussage des Angeklagten war die Frau mit einer weiteren Passagierin an der Haltestelle an der Lettow-Vorbeck-Straße in der Bünder Innenstadt in den Bus zugestiegen. „Die Dame stieg mit ihrem Rollator hinten ein“, berichtete der Bielefelder, der nach eigenen Angaben sei 35 Jahren unfallfrei seinen Beruf ausübt. Er sei davon ausgegangen, dass die Seniorin auf dem für eingeschränkte Personen vorgesehenen Sitz im hinteren Eingangsbereich Platz genommen habe. „Wenn ältere Menschen oder Mütter mit Kinderwagen einsteigen, passe ich immer besonders auf“, sagte der Fahrer. Allerdings: Der für gehbehinderte Passagiere vorgesehene Sitz sei wegen der Rücklehne der Plätze davor schlecht einsehbar.

Bevor er die Bremse seines Busses löste, habe der Angeklagte sich daher mit einem Blick in den Innenspiegel vergewissert, dass niemand mehr in dem Bereich stand. „Ich habe keine stehende Person entdeckt und bin dann angefahren.“ Plötzlich habe er ein Rumpeln und Schreie der anderen Fahrgäste gehört: „Die haben gerufen: ‚Die Frau saß noch nicht‘. Die Dame war da schon hingefallen. Ich habe erst dann den Bus dann gestoppt.“

Die Version der Frau

In ihrer Version des Vorfalls schilderte die 88-Jährige, die noch heute über die Folgen des Unfalls klagt, dass sie erst bei einer abrupten Vollbremsung gestürzt sei. „Ich bin eingestiegen, habe meinen Rollator abgestellt und wollte mich auf den Platz für Schwerbeschädigte setzen“, schilderte sie. Auf jenem Klappsitz habe jedoch bereits eine andere Frau gesessen. „Die war nicht schwerbeschädigt, ich habe sie gebeten weiterzurücken. Aber sie hat mich nur angeschaut.“

Als der Bus anfuhr habe sie sich noch festhalten können: „Dann hat eine andere Frau gerufen, dass ich noch nicht sitze.“ Der Bus haben stark gebremst und die Seniorin sei gestürzt – mit den bekannten Folgen. Als die Rettungskräfte anrückten, sei die Frau, die zuvor auf dem Klappsitz saß, rasch verschwunden, wie die Zeugin ausführte. Die Geschädigte warf dem Busfahrer vor, dass er zu früh losgefahren sei: „Er hätte sehen müssen, dass ich noch nicht saß.“

Anklage fordert Geldstrafe

Das sah auch die Staatsanwältin in ihrem Plädoyer so. „Der Dreh- und Angelpunkt an der Sache ist, dass Sie ihre Sorgfaltspflicht nicht erfüllt haben“, wandte sie sich an den Angeklagten und forderte die Zahlung einer Geldauflage von 25 Tagessätzen zu je 55 Euro. Der Verteidiger des 62-Jährigen plädierte hingegen auf Freispruch für seinen Mandanten.

Und dieser Forderung kam das Gericht letztlich auch nach. „Grundsätzlich ist nicht jeder Sturz der im Bus passiert strafrechtlich relevant“, stellte Amtsrichter Henning Zurlutter in seiner Urteilsbegründung später klar. Es müsse eine Sorgfaltspflichtverletzung objektiv nachgewiesen werden können – und das sei nicht der Fall. „Die Aussage der Zeugin reicht mir am Ende des Tages dafür nicht aus“, meinte Zurlutter auch mit Blick auf einen weiteren Vorfall.

Denn möglicherweise wäre der Fall gegen den Bielefelder Busfahrer nie vor Gericht gekommen. Die Polizei war zu dem folgenreichen Sturz im August 2019 gar nicht gerufen worden, hatte den Unfall somit nicht aufgenommen. Zwar hatten die Angehörigen der Bünderin später bei der Busgesellschaft angerufen. „Die haben aber gesagt, ich sei selber Schuld gewesen, weil ich mich nicht richtig festgehalten hätte“, sagt die 88-Jährige, die sich daraufhin an einen Anwalt wandte.

Der zweite Sturz

Doch richtig ins Rollen kam die Sache erst Ende September desselben Jahres: Denn da stürzte die Rollatorfahrerin erneut im Bünder Stadtbus, zog sich abermals schwere Verletzungen zu und musste in die Klinik. „Mir tut der Nacken davon heute immer noch weh, ich habe Kopfschmerzen und mir ist schwindelig“, schilderte die Frau während der Verhandlung. Kurios: Bei diesem Vorfall, der nach einem ähnlichen Schema abgelaufen sein soll, habe nach Aussage der 88-Jährigen ebenfalls der nun angeklagte Bielefelder am Steuer des Busses gesessen.

Daraufhin wurde man auch bei den Verkehrsbetrieben aktiv. Allerdings: Die Einsatzpläne belegten, dass an besagtem Septembertag ein anderer Fahrer auf der Linie im Einsatz war. Das Verfahren gegen den Mann ist aber bereits wegen Geringfügigkeit eingestellt worden. Trotz dieser Sachlage bestand die Senioren auch am Montag darauf, dass es sich bei beiden Vorfällen um den selben Busfahrer handelte.

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