Drogensüchtiger aus Bünde muss nach Tabak-Raub auf Tankstelle in Langzeittherapie
Überfall aus Angst vor Entzugserscheinungen

Kirchlengern/Bünde (WB). Man kann eine schwere Straftat begehen, aber trotzdem vieles tun, dass sie nicht schwer bestraft wird. So etwas nennt man dann im deutschen Strafrecht den minderschweren Fall. Der Tankstellen-Raub in Kirchlengern vom Ostermontag vergangenen Jahres ist so eine Straftat. Der Täter muss zwar hinter Gitter, aber längst nicht so, wie das bei einem „mustergültigen“ Räuber der Fall wäre.

Mittwoch, 09.09.2020, 19:00 Uhr aktualisiert: 10.09.2020, 09:50 Uhr
Weil die Kassiererin bei dem Überfall die Herausgabe von Bargeld verweigerte, schnappte sich der Angeklagte bei seinem Überfall auf die Kirchlengeraner Tankstelle 33 Zigarettenschachteln und suchte dann das Weite. Foto: dpa

Seit letzer Woche stand der 32-jährige Bünder in Bielefeld vor dem Landgericht. Er war, ausgerüstet mit Schal, Mütze, Sonnenbrille und einem roten Brotmesser am Ostermontag vergangenen Jahres gegen 8 Uhr in die Westfalen-Tankstelle in der Lübbecker Straße marschiert und hatte Geld aus der Kasse verlangt.

Die Reaktion der Kassiererin legte sozusagen den Grundstein für das vergleichsweise milde Urteil, das die 20. Große Strafkammer am Mittwoch sprach: Die Frau rückte nichts heraus, woraufhin der 32-Jährige 33 Schachteln Zigaretten aus einem Regal nahm und damit abhaute.

Wert der Beute: 262,50 Euro

Genau 262,50 Euro waren die Zigaretten wert – eine reichlich geringe Beute für einen bewaffneten Überfall und damit für die Kammer schon einmal der erste von mehreren Gründen, die Strafe zu mildern. Immerhin steht auf besonders schweren Raub, auch wenn nur ein rotes Brotmesser als Bewaffnung herhalten muss, eine Mindeststrafe von fünf Jahren Haft, aber dafür sollte die Beute dann schon nennenswert sein.

Bei dem Bünder kam noch einiges mehr zusammen, das die Höhe der Strafe nach unten drückte. Er ist seit vielen Jahren heroinsüchtig: An jenem Morgen hatte seine Mutter sich geweigert, ihm Geld zu geben, das er für Drogen brauchte.

So fasste er den Entschluss, sich an der Tankstelle Geld zu besorgen, eher aus Verzweiflung: Sein Vorrat an „Stoff“ ging zuende, und wie ein Gutachter in dem Prozess festgestellt hatte, sind Entzugserscheinungen für Opiatabhängige wohl so etwas wie der schlimmste Albtraum, allerdings mit sehr realen körperlichen Folgen. Diese Angst wertete das Gericht als einen Faktor zur verminderten Schuldfähigkeit.

Zwei Jahre und vier Monate Haft

Dass der Angeklagte sich rundheraus und aufrichtig bei den beiden Kassiererinnen entschuldigte und ohnehin an seiner Tat nichts zu beschönigen wusste, wirkte ebenfalls zu seinen Gunsten. Nicht unbedingt positiv wollte das Gericht seine strafrechtliche Vorgeschichte sehen: Er ist mehrfach vorbestraft, aber nicht so, wie man das von einem Junkie erwarten würde. „Vermögensdelikte auf niedrigster Schwelle“, sagte seine Verteidigerin Susanne Renner im Plädoyer, meistens Zigarettendiebstähle in Supermärkten, für die es lediglich Geldstrafen gegeben hatte.

Nur für die letzte Tat vor der Tankstellen-Sache hatte er vom Amtsgericht Bünde eine Freiheitsstrafe von ein paar Monaten bekommen, die wiederum in das Bielefelder Urteil einbezogen wurde. Mit zwei Jahren und vier Monaten Haft folgte das Gericht dem Antrag von Staatsanwalt Moritz Kutkuhn, der in der erfolglosen Forderung nach Bargeld eine versuchte schwere räuberische Erpressung und im Griff ins Zigarettenregal einen vollendeten besonders schweren Raub gesehen hatte.

Ins Gefängnis muss der 32-Jährige aber dennoch nicht: Das Gericht verfügte seine Einweisung in den Maßregelvollzug, damit er dort eine Langzeittherapie gegen seine Drogensucht machen soll. Aber auch in solchen Entziehungsanstalten gibt es Gitter vor den Fenstern.

Kommentare

Diese Diskussion ist geschlossen. Kommentieren ist nicht mehr möglich.
 
https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/7574938?categorypath=%2F2%2F2158585%2F2158590%2F2198384%2F2198393%2F2514621%2F
Neue Werbeverbote fürs Rauchen kommen
Werbung für das Rauchen soll zukünftig verboten werden.
Nachrichten-Ticker